Das Mantra und ein Familiengeheimnis

March 1st, 2019, Episodio 18

Zukker im Leben (CH)

0:00

0:00

Das Mantra und ein Familiengeheimnis

Zukker im Leben (CH)

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,
Herzlich willkommen zur Sendung „Zukker im Leben“ vom 1. März 2019. Ich arbeite seit zwei Wochen in einem Büro. Für mich, die sonst immer alleine zu Hause arbeitet, ist das eine grosse Umstellung. Und irgendwie ist der Ort viel spiritueller [1], als ich dachte. Wo und mit wem ich dort arbeite, erzähle ich Ihnen heute. Und ich habe wieder einmal meine Eltern besucht. Da hat meine Mutter von einem Familiengeheimnis erzählt, das sie gerade lüftet [2]. Worauf sie beim Aufräumen gestossen [3] ist, erfahren Sie ebenfalls heute. Viel Vergnügen!

***

Unverhofft [4] habe ich ein Jobangebot bekommen. 40% im Bereich der Kommunikation. Events auf der Website aufschalten, Newsletter verschicken und Facebook Posts planen. Ich habe sofort zugesagt, aus mehreren Gründen. Einerseits ist man als freischaffende [5] Person sehr froh, wenn man doch den einen und anderen fixen Job hat, damit man weiss, Ende des Monats habe ich genügend Geld zum Leben. Und anderseits tut es mir gut, in einem Büro zu sein mit anderen Menschen zusammen. Ich bin seit zwei Wochen dort und habe schon viel mehr als 40% gearbeitet, weil die Frau, die vor mir die Kommunikation dieses Kulturlokals betreut hat, leider alles sehr chaotisch hinterlassen hat. Gut für mich, ich konnte mehr Stunden aufschreiben und werde mehr verdienen. Aber dieses Büro ist viel spiritueller und leicht esoterischer [6], als man mir erzählt hat. Es ist ein sehr hübsches Lokal in den Bögen vom Viadukt, direkt an der Josefwiese. Falls sie die Josefwiese nicht kennen, lohnt sich ein Ausflug sehr, eine grüne Oase [7] mitten in der Stadt. An meinem neuen Arbeitsort werden vier verschiedene Yogarichtungen angeboten, Meditationskurse und Vorträge, die für ein nachhaltiges [8] Leben sensibilisieren [9]. Das sind privat nicht meine Interessen, aber dafür zu arbeiten, warum nicht. Viel schwieriger sind aber die Menschen in meinem Team. Sie machen alle Yoga, trinken Gemüsesäfte und rauchen nicht. Sie sind zwar alle wahnsinnig nett, aber immer wieder merke ich, dass sie es doch gut fänden, wenn ich auch Yoga machen würde. Vorgestern musste ich dann einen Text schreiben für einen Event mit dem Titel: „Achtsames [10] Häkeln [11] und Stricken“. Da musste ich sehr laut lachen, weil ich mir vorgestellt habe, wie Menschen im Kreis sitzen und mit geschlossenen Augen stricken und dabei immer tief ein und ausatmen. Ich habe alleine gelacht im Büro und dann sagte die eine Kollegin zu mir: „Weisst Du Nora, das Leben ist zu kurz, um nicht zu meditieren.“ Das sei ihr Mantra [12], ihr Motto für jeden Tag. Und dann hat sie doch tatsächlich neben dem Schreibtisch ihre Matte ausgerollt und den Sonnengruss [13] gemacht.
Das klingt so schrecklich nach Klischee [14]! Aber stimmt eben. Ich habe meine Kopfhörer angezogen und weiter gearbeitet und am Abend verabschiedet sich die Kollegin bei mir, sie will die anderen zum Abschied immer umarmen, und sagte dann zu allen: „Ich muss jetzt nach Hause, ich habe gerade den Eisprung [15] und bin deshalb etwas zerbrechlich [16], aber ich habe mit meiner besten Freundin für einen Empathie [17]-Call abgemacht, das wird mir gut tun.“ Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, was ist ein Empathie-Call? Ein Telefonat, wo man sich gegenseitig Mantras aufsagt, damit man sich danach besser fühlt? Ich halte Sie auf dem Laufenden. Ich möchte unbedingt mehr über diese Lebensformen erfahren. Namaste [18]!

***

Wie oft besuchen Sie Ihre Eltern, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer? Ich weiss, das sollte man regelmässig tun. Ich mache es dann doch immer zu selten und wenn ich meine Eltern treffe, dann ist entweder Weihnachten oder Geburtstag, aber kein normaler Tag unter dem Jahr. Das habe ich geändert und bin letzte Woche zum Mittagessen bei meinen Eltern vorbei gegangen. Meine Mutter war ganz nervös, als wäre etwas passiert, was sie mir jetzt gleich erzählen wird. Wir sitzen am Tisch und essen, dann frage ich meine Mutter, was los sei. Sie ist froh, dass ich endlich frage und beginnt zu reden wie ein Wasserfall [19].
Sie sagt: „Ich habe alte Kisten meiner Eltern, also deiner Grosseltern aussortiert. Fotos, Briefe und dann habe ich ein Dokument gefunden. Die Urkunde [20] für die Einbürgerung [21] deines Grossvaters.“ Meine Mutter trinkt das ganze Glas Wasser aus und sagt dann: „Darauf stand nicht nur der Name deines Grossvaters und deiner Grosstante, sondern noch der Name einer dritten Person. Martha heisst sie und war die Schwester von deinem Grossvater.“ Okay wow, das klingt nach einer richtig spannenden Geschichte. Jedenfalls spielt meine Mutter im Moment Sherlock Holmes und hat bereits rausgefunden, dass ihre Tante Martha auf keinem Familienfoto drauf ist. Dass sie mit 24 schon gestorben ist und in einer anderen Stadt lebte als in St. Gallen, wo der Rest ihrer Familie gewohnt hat. Ich frage meine Mutter: „Meinst Du, sie war ein Kuckuckskind [22]?“ Meine Mutter sagt: „Nein, dann wäre sie sicher nicht auf dieser Urkunde aufgeführt. Aber vielleicht war sie körperlich oder psychisch angeschlagen und konnte deshalb nicht bei der Familie leben, sondern in einer Klinik.“
Mehr weiss meine Mutter im Moment noch nicht. Was ganz schön verrückt ist, diese Urkunde war ja in den Unterlagen von meinem Grossvater. Er wusste also, dass er eine Schwester hatte, diese Martha. Aber seit meine Mutter lebt, also seit 65 Jahren, wurde nie darüber gesprochen. Und meinen Grossvater und meine Grossmutter können wir heute nicht mehr fragen, weil sie nicht mehr leben. Ist das nicht spannend, dass es möglich ist, dass Menschen Geheimnisse ein Leben lange für sich behalten und verschweigen [23]?
Ich finde das sehr interessant und ich denke deshalb, dass es ganz wichtig ist, dass wir mit unseren Eltern reden, Fragen stellen zu ihrer Familie, weil es geht dabei ja um unsere Herkunft und man weiss wirklich nie, was da noch alles zum Vorschein [24] kommt. Wenn ich mehr weiss über meine Grosstante Martha, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, werde ich es Ihnen erzählen. Und besuchen Sie doch Ihre Eltern wieder einmal, man weiss ja nie.

***

Ich freue mich sehr, wenn ich Ihnen am 15. März, dann wieder auf Hochdeutsch, auf podclub.ch und in der App wieder aus meinem Leben erzählen darf. Dann habe ich einen Gast im Studio. Er heisst Wolf und Sie können sich schon heute auf diese Sendung freuen. Ich freu mich auch!
Schauen Sie doch in der Zwischenzeit bei Instagram vorbei und üben Sie mit dem Vokabeltrainer in unserer App. Auf Wiederhören!

Glossario

0 Commenti

Commenti