Formulare, Formulare und der Ausflug mit Anna

February 1st, 2019, Episodio 17

Zukker im Leben (CH)

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Formulare, Formulare und der Ausflug mit Anna

Zukker im Leben (CH)

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,
Herzlich willkommen zur Sendung „Zukker im Leben“ vom 1. Februar 2019. So ein Unfall bedeutet Formulare [1], Formulare, Formulare. Was ich alles ausfüllen muss, erzähle ich Ihnen heute. Ich bin mit Anna zwei Tage weggefahren. Immer wenn Anna und ich zusammen verreisen, geht etwas schief. Was genau los war, erfahren Sie ebenfalls heute.
Viel Vergnügen!

***

Ich bin jetzt seit drei Monaten wieder zu Hause. Darüber bin ich sehr froh. Wissen Sie, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, ich konnte während 17 Wochen nie selber entscheiden, was ich essen will. Im Spital und in der Reha-Klinik gab es um 7 Uhr Frühstück, um 12 Uhr Mittagessen und bereits um 17 Uhr Abendessen. Da fühlte ich mich manchmal wie im Altersheim [2]. Seit ich wieder alleine wohne, geniesse ich es sehr, zu kochen. Ich war nie eine gute Köchin, aber weil ich mich im Moment immer noch nicht so gut bewegen kann, ist Kochen mein neues Hobby geworden. Das ist eine schöne Sache nach meinem Unfall. Weniger schön ist das viele Papier, das sich auf meinem Schreibtisch türmt [3].
Bei einem Unfall geht es immer darum, wer zahlt was. Zum guten Glück bin ich bei der Krankenkasse gegen Unfall versichert, weil ich ja freischaffende [4] Autorin bin und deswegen keinen Arbeitgeber habe, bei dem ich versichert bin. Und in meinem Fall musste ich mich auch bei der IV, der Invalidenversicherung anmelden. Das ist nichts, was man sich mit 32 wünscht. Ich brauche für meine Füsse spezielle Schuhe und die muss irgendjemand bezahlen. So ein spezieller Schuh, ein Massschuh [5], kostet mehrere tausend Franken. Ich habe also letzte Woche mit einer etwas komischen Frau von der IV telefoniert.
„Grüezi, hier ist Zukker. Ich rufe an wegen meinem Spezialschuh.“
„Grüezi, Frau Zukker! Süsser Name.“
„Ich habe von Ihnen ungefähr 10 Seiten Papier bekommen. Ich weiss nicht genau, was Sie alles wissen wollen.“
„Also brauchen Sie den Spezialschuh wirklich oder finden Sie den einfach schön?“
„Schön? Also vielleicht verstehe ich Sie falsch, aber welcher Mensch will denn freiwillig einen orthopädischen [6] Schuh? Ich habe genau einen einzigen Schuh, den ich für alles brauche. Sport, Freizeit, Beruf. Das ist nicht besonders schön.“
„Das sind Fragen, die wir stellen müssen. Es ist schliesslich ein Lederschuh, der sehr hochwertig [7] hergestellt wurde und natürlich seinen Preis hat.“
„Für dieses Geld könnte ich mir 25 Paar Turnschuhe kaufen, wenn ich sie tragen dürfte.“
„Gut, sie meinen es also wirklich ernst. Dann füllen Sie einfach aus, was sie können und wenn wir noch Fragen haben, melden wir uns wieder.“
Ich schlucke leer [8], als ich das Telefonat beende. Zuerst bin ich sehr wütend, dass man denken könnte, ich will diesen Schuh. Nach zehn Minuten lache ich ganz laut und denke, okay, es gibt offenbar wirklich Menschen, die sich einen Spezialschuh bei der IV erschleichen [9] wollen. Was für eine verrückte Welt! Ich fülle also halbherzig [10] die Formulare aus und weiss, sie werden wieder anrufen, weil natürlich sicher noch was unklar ist.

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Dieses Wochenende bin ich mit Anna weggefahren. Einfach kurz in die Berge, weil das Wetter dort gut ist und wir dringend etwas Sonne wollten. Ich weiss langsam wirklich nicht mehr, ob es an Anna oder mir oder unserer Konstellation [11] liegt, dass es jedes Mal anders kommt, als wir geplant haben. Wir haben Annas Auto genommen, das schon fünfzehn Jahre alt ist und bald den Geist aufgibt [12], aber Anna hängt sehr daran [13], weil sie es von ihrem Vater geerbt hat. Wir haben im Internet eine kleine Hütte für eine Nacht reserviert und auf der Fahrt in die Berge Essen und Wein gekauft, weil die Hütte sehr abgelegen [14] von allem ist. Aber genau das wollten wir. Endlich wieder Zeit zu zweit und zwei Tage einfach im Pyjama rumhängen.
Ich bin schon in der Hütte und ganz begeistert von der rustikalen [15] Einrichtung mit dem Holztisch und dem rot-weiss karierten Tischtuch. Plötzlich höre ich Anna laut fluchen [16], gehe auf die Terrasse und frage und was los sei. „Nora, mir ist der Autoschlüssel abgebrochen!“ „Abgebrochen? Wie denn sowas passieren kann,“ frage ich ganz ruhig. Innerlich drehe ich fast durch [17], weil ich Angst habe, dass wir nie wieder von dieser Hütte zurück nach Zürich kommen, dass wir hier bestimmt verhungern werden und es nicht mal jemand merkt. Gut, das ist etwas überdramatisch [18], ich weiss. Anna kommt mit den Einzelteilen [19] des Schlüssels in die Hütte und öffnet den Wein. Das Lämpchen, das eigentlich leuchten sollte, damit man das Schlüsselloch am Auto im Dunkeln besser findet, wirft sie in den Müll [20] und ist dann ganz stolz, als der Schlüssel wieder ganz ist. Wir machen uns einen gemütlichen Abend, essen, trinken und schauen „Pretty Woman“, unser Lieblingsfilm aus den Neunzigern.
Nach dem späten Frühstück am Sonntag, packen wir unsere Sachen, nehmen den Müllsack mit dem Abfall mit und werfen ihn in die Tonne [21] vor der Hütte. Dann steckt Anna den Schlüssel ins Schloss. „Nora, er passt rein, aber lässt sich nicht drehen. Ich drehe jetzt aber gleich durch.“ Ich habe keine Geduld mehr und sage, dass ich jetzt sofort beim TCS [22] anrufe, damit sie uns abholen, bevor wir eben eingeschneit werden und es wieder dunkel ist. Auf den TCS ist zum Glück Verlass, nach 45 Minuten kommt ein Mann vorbei.
Er schaut sich den Schlüssel an und fragt, wo denn das Lämpchen sei? Anna lacht und sagt: „Das hat schon seit fünf Jahren nicht mehr geleuchtet, das habe ich in den Müll geschmissen.“ Er schaut mich an und fragt: „Und wo ist der Müll?“ Ich weiss, was jetzt meine Aufgabe sein wird und sage: „Da ist der Müll“ und zeige auf die Tonne. Der Mann sagt zu uns: „Also dann suchen Sie jetzt dieses Teil mit dem Lämpchen. Das ist nämlich nicht nur ein Lämpchen, sondern ein wichtiger Chip, ein Schutz gegen Diebstahl.“ Anna und ich verstehen nicht so viel und er sagt dann: „Damit erkennt das Auto, ob der Schlüssel wirklich zum Auto gehört.“ Halleluja! Anna und ich wühlen [23] in der Mülltonne, leeren den Müllsack auf dem Kofferraum aus und suchen dieses kleine Lämpchen. Der Mann raucht eine Zigarette, lehnt lässig [24] an seinem Auto und denkt, jaja, die Frauen und die Technik. Fast wie ein Wunder, taucht das Lämpchen irgendwann auf. Der Mann vom TCS steckt es mit den anderen Teilen des Schlüssels zusammen, steckt den Schlüssel ins Schlüsselloch und klick klack, das Auto ist offen. Anna und ich umarmen ihn von beiden Seiten und schmeicheln [25] etwas seinem Ego. Dann fahren wir nach Hause.

***

Ich freue mich sehr, wenn ich Ihnen am 15. Februar, denn wieder nur auf Hochdeutsch, auf podclub.ch und in der App wieder aus meinem Leben erzählen darf. Dann werde ich Ihnen erzählen, wie ich dieses Jahr den Valentinstag gefeiert habe, den Tag der Liebe, den ich ja nur für eine Erfindung der Blumenindustrie halte.
Schauen Sie doch in der Zwischenzeit bei Instagram vorbei und üben Sie mit dem Vokabeltrainer in unserer App. Auf Wiederhören!

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