Der Unfall im Sommer und Black Friday im November

December 21st, 2018, Episodio 32

Zukker im Leben (CH)

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Der Unfall im Sommer und Black Friday im November

Zukker im Leben (CH)

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,
Herzlich willkommen zur Sendung „Zukker im Leben“ vom 21. Dezember 2018. Ich war den ganzen Sommer im Spital, weil ich einen Unfall hatte. Davon werde ich Ihnen heute erzählen. Kennen Sie den Black Friday? Das ist ein Freitag im November, wo viele Menschen dem Kaufrausch [1] verfallen. Was ich davon halte, erfahren Sie ebenfalls heute.
Viel Vergnügen!

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Sie haben es bereits erfahren, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, ich hatte im Sommer einen Unfall. Es war Fussball Weltmeisterschaft und ich habe mich mit meinem Vater fürs Public Viewing [2] verabredet. Ein schöner Sonntagabend, wir haben Weisswein getrunken, Fussball geschaut und uns nachher an der Bushaltestelle verabschiedet. Ich war glücklich und bin zum Bahnhof Altstetten gefahren. Dort habe ich im Coop Pronto noch Milch für den nächsten Tag gekauft und bin beschwingt [3] über die Strasse. Ja, nicht über den Fussgängerstreifen, weil es einfach schneller geht und ich in fünf Minuten zu Hause gewesen wäre. Ich habe am 17. Juni die Wohnungstüre hinter mir zu gezogen und bin nie wieder in diese Wohnung zurückgekommen.
Ich bin also über die Strasse und habe den Bus nicht gesehen. Für den Busfahrer stand ich im toten Winkel [4]. Er erwischte mich mit dem Vorderrad am linken Bein und ich fiel um. Er hielt sofort an, leider mit dem Rad auf meinen beiden Beinen. Dann ging zum Glück alles sehr schnell. Ich wurde mit Blaulicht ins Spital gefahren und wurde noch in der Nacht operiert. Dann hat die eindrücklichste Zeit meines Lebens angefangen. Ich lag acht Wochen im Spital und wurde dreizehnmal operiert. Was die Medizin heute alles kann, ist sehr eindrücklich. Die Ärzte haben mir Muskeln aus dem Rücken genommen und damit meine beiden Füsse rekonstruiert [5]. Danach war ich neuen Wochen in einer Klinik, wo ich wieder laufen gelernt habe. Wie ein kleines Kind musste ich mit 32 alles ganz neu lernen. Können Sie sich das vorstellen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer? Ich staune jeden Tag darüber. Es ist für mich wie ein grosses Wunder, dass ich diesen Unfall so glimpflich [6] überlebt habe. Wissen Sie, Unfälle passieren innerhalb von wenigen Sekunden und plötzlich ist das Leben nicht mehr wie es vorher war. In der Klinik, wo ich wieder laufen lernte, habe ich Menschen kennen gelernt, die mit dem Motorrad verunfallt sind, die von einer Leiter gefallen sind oder vom Balkon und alle haben irgendwie überlebt. Und alle diese Leute hatten wie ich kurz vor dem Unfall eine gute Zeit. Es muss einem eben nicht schlecht gehen, dass man vielleicht unkonzentriert oder abgelenkt ist. Ich war zum Beispiel euphorisch [7] nachdem ich mit meinem Vater einen unverhofft schönen Abend hatte. Ich war also vor Freude unkonzentriert und dann ist die Katastrophe passiert.
Sie sind sicher auch schon einmal nicht über den Fussgängerstreifen gelaufen oder mit dem Fahrrad auf dem Trottoir [8] oder in einer Einbahnstrasse [9] gefahren. Und es passiert meistens nichts. Ich glaube, dass wir viel öfters Glück als Pech haben im Leben. Wenn man einen Unfall überlebt, dann denkt man viel über das Leben nach. Ich finde das eine spannende Zeit gerade. Was interessiert mich wirklich? Mit welchen Menschen möchte ich meine Zeit verbringen? Was sind meine Träume? Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, ich bin dankbar [10], dass ich wieder zurück bin und ich werde Ihnen bestimmt immer wieder einmal davon erzählen, was ich gerade lerne nach dem Unfall.

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Black Friday, kennen Sie diese amerikanische Tradition, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer? Am Freitag 23. November war dieses Jahr der Black Friday. An eben diesem Freitag beginnt in Amerika die Zeit, wo man die ersten Weihnachtseinkäufe macht. Das hat aber eigentlich nicht viel mit gemütlichem Weihnachtsshopping zu tun. Nein, viele Leute werden regelrecht [11] zu Schnäppchenjägern [12], verfallen einem Kaufrausch und werden ganz süchtig nach Aktionen und schönen Dingen, die am Black Friday billig angeboten werden.
Meine Freundin Anna ruft mich am Freitag an und fragt, ob ich zu Kaffee und Kuchen zu ihr kommen will. Ich setze mich bei ihr aufs Sofa, während sie wie wild im Internet surft. Ihre Augen glitzern wie zwei Weihnachtskugeln und plötzlich kreischt sie: „Nora, ich habe gerade für 30 Franken zwei Flüge mit easyJet nach Venedig für uns gekauft!“ Kann das seriös [13] sein? Für dieses Geld könnten wir gerade einmal mit dem Zug von Zürich nach Basel fahren ohne das Billett für die Rückfahrt. Ich sage zu Anna: „Wer will im Moment nach Venedig? Dort steht doch alles unter Wasser.“ Wie lachen und dann ist Anna wieder in den Laptop vertieft, bis sie mich mit grossen Augen anschaut und sagt: „Wow, 30% auf Lippenstifte von Dior! Oh my God, 50% auf die Nike Turnschuhe und kannst du das fassen? 70% auf Diesel Jeans!“ Anna ist in diesem Moment dem Konsum [14] verfallen [15], obwohl sie eigentlich gar nichts braucht, bestellt sie einfach alles und bezahlt mit ihrer Kreditkarte. Ich sitze immer noch auf dem Sofa und stelle mir vor, wie ganz viele Menschen auf der Welt gerade wahnsinnig gestresst sind, weil sie keine Aktion verpassen wollen und denken, vielleicht wird mein Lieblingspulli plötzlich noch 80% günstiger. Irgendwie befremdet [16] mich dieser Black Friday sehr. Ich will gar nicht wissen, wie viele Leute in einigen Tagen, wenn die Pakete ankommen, ratlos werden und sich denken: „Hey, habe ich das wirklich bestellt? Das ist doch gar nicht mein Stil!“
Anna ist irgendwann erschöpft, klappt den Laptop zu und öffnet eine Flasche Weisswein für uns zwei. Dann sitzen wir gemütlich auf dem Sofa und überlegen uns, was wir dieses Wochenende machen könnten.
Ich kann es mir nicht verkneifen [17] und sage zu Anna: „Lass uns doch am Sonntag in die Stadt gehen, dann beginnen die verkaufsoffenen [18] Sonntage und in der Stadt wird es bestimmt total gemütlich sein, zwischen schreienden Kindern und gestressten Eltern, die ihre Kinder durch die Geschäfte zerren.“ Anna lacht und sagt dann: „Nora, ich glaube ich werde alle meine Einkäufe wieder zurückschicken. Oder wie ist das eigentlich? Kann man Dinge, die reduziert [19] sind, überhaupt umtauschen [20]?“ Ich verdrehe die Augen, trinke mein Glas Weisswein und denke, eigentlich ist es manchmal auch praktisch, dass ich verletzt bin, weil ich dieses Jahr bestimmt keinen Stress habe, Weihnachtsgeschenke einzukaufen, weil ich gar nicht erst in die Stadt gehen werde.

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Ich freue mich sehr, wenn ich Ihnen im neuen Jahr am 18. Januar 2019, dann wieder auf Hochdeutsch, auf podclub.ch und in der App wieder aus meinem Leben erzählen darf. Dann werde ich Ihnen erzählen, wie ich Silvester gefeiert habe. Und wissen Sie was? Ich bin schon wieder umgezogen und habe natürlich wieder neue Nachbarn bei mir im Haus. Wer bei mir im Haus wohnt, erfahren Sie ebenfalls im neuen Jahr. Jetzt wünsche ich Ihnen aber erst einmal ganz schöne Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr. Schauen Sie doch in der Zwischenzeit bei Instagram unter #podclubnora und #zukkerimleben vorbei und üben Sie mit dem Vokabeltrainer in unserer App.
Auf Wiederhören!

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