Von Spaghetti Monstern und Würmchen

October 24th, 2014, Episodio 21

Andrea erzählt (CH-D)

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Von Spaghetti Monstern und Würmchen

Andrea erzählt (CH-D)

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur Sendung «Andrea erzählt» vom 24. Oktober 2014.
Joanne und Jonathan sind nun schon seit mehr als drei Monaten in die Schweiz. Und es gibt eine gute Nachricht: Joanne darf hier zwar immer noch nicht arbeiten, aber sie darf noch länger bleiben. Nach der ersten Aufregung hatte sie nun auch endlich Zeit, ein paar Menschen besser kennenzulernen und zu merken, wie unterschiedlich New York und Zürich sind. Gern erzähle ich Ihnen heute ein paar lustige Erlebnisse aus der letzten Zeit.

***

Wie Sie vielleicht noch wissen, leben Joanne und Jonathan in Michaels schöner Zweizimmer-Wohnung in der Altstadt von Zürich. Leider ist sie wirklich sehr klein. Wer Joanne kennt, kann sich fast nicht vorstellen, dass ein Mensch wie sie in einer so kleinen Wohnung leben kann. Sie ist so lebendig, bewegt sich die ganze Zeit und lacht so gern und laut — man kann nicht glauben, dass sie da überhaupt reinpasst [1]. Aber für Joanne ist das nicht schlimm, sie ist sowieso am liebsten draussen unterwegs.
Sie geht jeden Morgen um acht eine Stunde an den See. Dann trinkt sie in einem Restaurant gleich bei der Limmat [2] einen Kaffee und versucht das «20 Minuten» zu lesen. Das ist eine Gratiszeitung [3]. Wenn sie einmal etwas nicht versteht, fragt sie einfach jemanden von einem anderen Tisch.

Die Leute in Zürich sind es nicht gewohnt [4], dass jemand Fremdes sie einfach etwas fragt. Schon gar nicht, wenn sie in einem Restaurant in Ruhe ihren Morgenkaffee trinken. Wir Zürcher haben den Ruf [5], dass wir etwas kühl und unfreundlich sind. Aber gegen Joannes herzliche, offene Art haben auch wir Zürcher keine Chance. Sie schafft es immer, dass die Leute ihr gern helfen und dabei sogar noch lächeln. Inzwischen hat sie so schon eine gute Freundin gefunden, die ab und zu an ihren Tisch sitzt und mit ihr die Zeitung liest. Sie heisst Nora und ist Grafikerin. Da es für diesen Beruf auch künstlerisches Denken braucht, verstehen die beiden sich gut. Letzthin durfte Joanne sogar eine kleine Zeichnung für Nora machen. Sie wurde dann in einer Werbung für ein Kinder-Biojoghurt gebraucht. Nora war begeistert [6] von Joannes Stil. Wer weiss, vielleicht gibt es da ja bald mehr zu tun für Joanne?

Nach dem Morgenkaffee besucht Joanne ihren Sprachkurs. Sie geht sehr gern und sagt: «Weisst du, ich liebe die vielen Menschen aus so vielen Ländern. Das fehlt mir hier in Zürich. Es hat überall so wenige Menschen. Und wer aus einem fremden Land kommt, wohnt in einem anderen Teil der Stadt, als ich. Hier in der Altstadt ist es ein bisschen wie in Disney World. Die meisten Ausländer sind Touristen.» Damit hat sie allerdings recht. Joanne würde es sicher besser gefallen im Kreis 5, dem lebendigsten Stadtteil von Zürich. Dort gibt es Menschen aus der ganzen Welt und es ist immer etwas los.

Darum habe ich sie gefragt: «Warum triffst du dich dann nicht öfters mit deinen Freuden aus dem Sprachkurs?» Doch Joanne schüttelte nur den Kopf und sagte: «Das ist doch logisch! Wir sprechen meistens Englisch miteinander, weil das alle ein wenig können. Aber ich will und muss doch Deutsch lernen! Darum will ich mich mit Schweizern treffen.» Joanne ist wirklich eine kluge Frau und ihr Wille, hier zu Hause zu sein, ist gross.


Auch wenn sie die Menschen hier etwas zu zurückhaltend [7] findet und sagt:«Ich vermisse manchmal das Chaos und die Spontaneität von New York. Hier muss immer alles gut geplant sein — und vor allem pünktlich!»

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Vor ein paar Wochen hat Joanne endlich Michaels Schwester Martina kennengelernt. Mit ihr hat sie sich richtig angefreundet. Martina arbeitet bei einer grossen Bank und Joanne findet das sehr lustig. Sie sagt: «Banken sind für mich etwas so typisch Schweizerisches. Ich kann nicht glauben, dass ich jetzt eine Schweizer Bankerin als Freundin habe. Das ist fast so lustig, als würde sie Schokolade machen oder Uhren!»

Auch Martina hat viel Freude an Joanne. Bei ihrer Arbeit muss sie immer gut gekleidet sein und sehr zurückhaltend. Dabei ist sie selbst eigentlich ein sehr lebendiger Mensch. Darum sagt sie immer zu Joanne: «Ah, du bist für mich wie Ferien! Ich weiss nicht, wann ich das letzte Mal so viel gelacht habe.» Und weil sie selbst auch einmal für zwei Jahre in New York gelebt hat, will sie immer, dass Joanne ihr von «Zuhause» erzählt. Das tut Joanne natürlich sehr gern.

Darum werden die beiden dieses Jahr auch gemeinsam das Halloween Fest vorbereiten. Diese Tradition ist in der Schweiz ja noch sehr jung. Sie kam erst vor ein paar Jahren aus den USA hier her. Ich hatte immer gemeint, dass die Schweiz jetzt auch im Halloween Fieber sei. Aber sie müssten mal Michaels Wohnung sehen! Joanne freut sich auf Halloween wie ein kleines Kind! Es dauert noch mehr als eine Woche bis zum 31. Oktober, aber sie ist schon seit mindesten zwei Wochen daran, alle Kürbisse zu kaufen, die sie findet. Sie macht draus Kekse und Lampen mit Gesichtern. Auf jedem Fensterbrett stehen ein paar davon. Und an jedes Fenster hat sie Fledermäuse und Spinnen aus schwarzem Papier gehängt. Sie hat sogar ein Spray mit künstlichen Spinnweben [8] gekauft und eine Lichterkette gemacht. Dabei hat sie über jedes einzelne Lämpchen eine kleine Hexe aus Papier geklebt.

Der kleine Küchentisch ist überfüllt [9] mit Rezepten, die ihr ihre Schwester per Mail geschickt hat. Zum Beispiel für Spaghetti Monster. Dabei werden ungekochte Spaghetti durch ein Würstchen hindurch gesteckt. Das Ganze wird dann etwa zehn Minuten lang in Wasser gekocht. Wenn die Spaghetti-Würstchen fertig sind, sehen sie wirklich aus, wie kleine Monster mit vielen, weissen Beinchen. Dazu isst man Ketchup. Es sieht schlimm aus!

Martina und ich mussten Joanne versprechen, dass wir ihr beim Halloween helfen und mit ihnen feiern. Wir sagten ihr: «Gut, wir helfen dir gern und lernen all diese Dinge. Aber dafür musst du mit uns ein Schweizer Herbst-Dessert kochen lernen. Du wirst sehen, wir haben zwar keine Monster und Hexen, aber dafür haben wir Würmer!» Und so haben wir in meiner Wohnung eine Creme aus Kastanien und Zucker gekocht. Dann haben wir kleine Küchlein mit Schlagsahne und Vanillecreme gefüllt. Zum Schluss haben wir die Kastanien-Creme durch ein spezielles Sieb gedrückt. So kam sie als lange, braune Würmchen heraus. Diese haben eigentlich einen französischen Namen: Vermicelles. Würmchen, eben.

Schade, waren Sie nicht dabei und konnten Joanne lachen hören! Sie war völlig begeistert und konnte nicht mehr aufhören, Würmchen durch das Sieb zu drücken. Wir mussten ihr versprechen, dass wir für ihren Halloween-Abend Vermicelles mitbringen werden.
Sie wird noch staunen. Martina und ich haben nämlich beschlossen, jedem der kleinen Würmchen Augen aus roten Zucker-Kügelchen zu machen.


Das wird vielleicht eine Überraschung! Ja, wer hätte gedacht, dass ein ganz normales Schweizer Herbst-Dessert zu einem richtigen Halloween-Essen werden könnte?

Nun sind wir gespannt, was Joanne sonst noch alles mit uns vorhat an Halloween. Wenn sie nochmal eine Woche lang so weiter kocht und dekoriert, werden wir sowieso nicht mehr in ihre kleine Wohnung reinpassen. Sie hat nämlich nicht nur uns, sondern auch noch Nora, zwei Freunde aus ihrem Sprachkurs und Jonathans neuen Freund Ricardo eingeladen. Trotzdem: Ich freue mich wie noch nie auf den 31. Oktober!

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Nun hoffe ich, dass auch Sie viel Spass haben werden beim Kochen und Dekorieren für Halloween — auch wenn der Brauch [10] hier noch recht neu ist. Ganz viele tolle Ideen für gruseliges [11] Essen finden Sie übrigens auf dem Internet [12]. Viel Spass!

In vier Wochen werde ich Ihnen dann erzählen, was Joanne und Jonathan Neues erlebt haben. Aber zuerst gibt es wieder ein schönes Märchen.
Es würde mich daher sehr freuen, wenn Sie auch am 7. November wieder auf www.poclub.ch mit dabei wären, wenn es heisst «Andrea erzählt.» Dann erzähle ich Ihnen das «Märchen von Frau Holle». Es ist zwar nicht typisch schweizerisch, aber es hat dennoch etwas mit der Schweiz zu tun. Lassen Sie sich überraschen! Auf Wiederhören!

Glossario

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