Social Media, Luzerner Chilbi

October 26th, 2018, Episode 14

Zukker im Leben (CH-D)

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Social Media, Luzerner Chilbi

Zukker im Leben (CH-D)

Guten Tag, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, heute ist der 26. Oktober, herzlich willkommen. Ich bin es, immer noch, Helene Aecherli. Nora Zukker wird im Dezember zurück sein. Ich hoffe, es geht Ihnen gut und Sie versinken [1] nicht gerade in Arbeit. Vielleicht sind Sie ja viel entspannter als ich, aber ich finde den Monat Oktober immer extrem intensiv: Es ist viel los, es gibt viele Veranstaltungen, viele neue Projekte, ich habe echt das Gefühl, das Arbeitsleben nach den Sommerferien geht erst im Oktober wieder so richtig los. Das ist natürlich toll und inspirierend, aber auch anstrengend. Mir kommt es vor, als würde ich in einem Schnellzug sitzen und durch Stunden, Tage und Wochen rasen [2]. Und immer wieder sehne ich mich dann nach einer Pause, nach einer Insel, nach Stille, nach dem Geruch von Wald oder Salzwasser. Sehe ich in solchen Momenten Ferienbilder, die Freunde auf Instagram oder Facebook gepostet haben, werde ich richtig neidisch [3]. Kennen Sie das Gefühl? Darüber reden wir jetzt gleich als erstes. Danach erzähle ich Ihnen noch vom Abenteuer, das meine Nichte und ich auf der Luzerner Chilbi [4] erlebt haben.

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Man weiss es eigentlich. Man weiss es aus unzähligen Studien, von Psychologen, Internet-Experten, von Eltern, sogar von Jugendlichen, die auf Social Media aktiv sind: Die Bilder, die Freunde auf Facebook oder Instagram posten, können neidisch machen. Ja, so richtig neidisch. Sie können einem das Gefühl geben von: “Ohh, haben die es schön - und ich? Ich sitze hier an meinem öden [5] Tisch an meinem öden Computer in meiner öden Stadt und erlebe nichts, aber auch gar nichts. Das einzig Aufregende ist, wenn überhaupt, der Blick aus meinem Fenster.” Und noch bevor man diese Gedanken näher analysiert, passiert es: Man ist frustriert, im schlimmsten Fall lustlos oder gar regelrecht deprimiert.
Dieses Gefühl kennen wohl alle, die oft auf Social Media aktiv sind, - auch, wenn sie es eigentlich besser wüssten. Was nämlich auf Facebook und Co. präsentiert wird, ist selten so, wie es wirklich ist. Es ist so, wie man es gerne hätte oder wie man es gerade sieht. Es ist in den meisten Fällen eine Inszenierung. Man sucht den perfekten Bildausschnitt, den perfekten Winkel und verschönert [6] das Ganze mit einem Filter und einem poetischen Text. Das mache ich natürlich genauso. Ich poste viel auf Social Media, halte über Social Media Kontakte in der ganzen Welt aufrecht und publiziere Artikel, die mir wichtig sind. Aber in letzter Zeit stelle ich fest, dass gerade die Ferienbilder von Freundinnen und Freunden eine merkwürdige Sehnsucht [7] in mir wecken. Da sehe ich zum Beispiel Bilder von Ibiza: Eine Finca mit einer wunderschönen Terrasse, mit Palmen und Kakteen in dunkelblauen Terracotta-Töpfen und im Hintergrund das Meer. Und ich rieche das Salzwasser, höre die Stille und fühle die warmen Strahlen der Sonne auf meinem Rücken. Oder da sind Bilder aus Sri Lanka: Einsame Sandstrände, über die sich Palmen biegen, und ich höre das Rauschen der Wellen. Oder ich sehe Bilder aus Italien, aus Portofino, sehe gemütliche [8] Gassen, winzige [9] Buchten, und ich fühle, wie es sein könnte, wenn ich nicht ständig [10] auf die Uhr schauen muss und sehne mich danach, einfach in den Zug zu steigen. Zu meiner Beunruhigung merke ich dann, dass diese Bilder nicht nur eine Sehnsucht in mir wecken, sondern auch Eifersucht [11]. An manchen Tagen, wenn ich wieder mal in Arbeit versinke, bin ich deshalb sogar ziemlich schlecht gelaunt [12]. Aber ich bin dann nicht nur wegen der schönen Bilder schlecht gelaunt, sondern auch wegen meiner Reaktion darauf. Das heisst, ich habe schlechte Laune, weil ich schlecht gelaunt bin und ärgere mich dann noch mehr über mich selber. Denn will ich wirklich nach Ibiza? Nein, das würde mich wohl langweilen. Will ich Strandferien in Sri Lanka? Nein! Wenn ich schon nach Sri Lanka reise, dann um zu erfahren, wie die Menschen dort leben. Will ich nach Portofino? Vielleicht - für ein paar Stunden. Was will ich denn? Ich will den Geruch von Erde in meiner Nase und Ruhe in meinem Kopf. Ferien liegen zur Zeit in weiter Ferne. Was soll ich also tun? Hmm, ich glaube - ich zieh mir einfach wieder mal meine Jogging-Schuhe an. Denn Joggen, das habe ich schon oft erfahren, befreit meinen Kopf bereits nach etwa zehn Minuten. Und den Geruch von Erde, den gibts dann noch gratis dazu.

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Ja, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, vielleicht ist es wirklich an der Zeit, dass wir noch kritischer mit Social Media umgehen und unsere Emotionen analysieren, die dadurch geweckt werden. Jetzt aber lassen wir die virtuelle Welt hinter uns und tauchen in eine andere Realität ein: In die Welt der Luzerner Chilbi oder der Määs, wie sie in Luzern genannt wird. Die Chilbi kommt immer im Oktober für drei Wochen nach Luzern, und zwar immer ungefähr dann, wenn gerade Herbstferien sind.
Meine Nichte geht wahnsinnig gerne auf die Chilbi. Schon Tage bevor die Chilbi eröffnet wird, zieht es sie aufs Gelände [13]. Sie will sehen, wie all die Buden [14] und Bahnen aufgebaut werden, will herausfinden, welche Bahn dieses Jahr ihre Lieblingsbahn sein wird, wo sie Bälle auf Büchsen werfen und wo sie ihre Zuckerwatte kaufen kann. Und an dem Tag, an dem die Chilbi beginnt, hält sie nichts, aber auch gar nichts mehr zurück. “Nanna”, sagt sie mir, kaum bin ich in Luzern angekommen, “du weisst, was wir heute machen, gell!” Das ist natürlich keine Frage, sondern ein Befehl. Meine Nichte schickt mir sogar im Voraus SMS, damit ich ja nicht auf die Idee kommen könnte, das Tante-Nichte-Programm am Tag der Chilbi zu verändern. In ihren Nachrichten bestimmt sie die Reihenfolge der Attraktionen, die sie ausprobieren will. Station eins: Das Kettenkarussell. Station zwei: Die Rutschbahn. Station drei: Das Riesenrad. Station vier: Der Disco-Express. Und der Disco-Express, das weiss meine Nichte schon bevor sie damit gefahren ist, wird ihre Trainingsbahn für den Helix sein.
Vielleicht können Sie sich noch daran erinnern: Ich habe Ihnen in einer der letzten Sendungen erzählt, dass meine Nichte ein ganz grosses Ziel hat. Nächsten Sommer, wenn sie grösser sein wird als 1 Meter 30, will sie auf dem Vergnügungspark Liseberg in Göteborg mit dem Helix fahren, eine der schnellsten Achterbahnen Europas mit vielen Schrauben und Loopings.
Der Disco-Express in Luzern ist nun zwar keine Achterbahn, sondern eine Bahn, die sich rasend schnell im Kreis dreht. Das Tempo ist so hoch, dass man die Leute auf der Bahn kaum mehr sieht. Es ist also eine ernsthafte Bahn. Ehrlich gesagt, als meine Nichte und ich vor dem Disco-Express stehen und warten, bis wir an der Reihe sind, ist mir schon ein bisschen mulmig [15] zumute [16]. Wagen wir das wirklich? “Wir können dann nicht einfach aussteigen, gell”, sage ich meiner Nichte. “Wir müssen die ganze Fahrt durchhalten. Schaffen wir das?” Meine Nichte zuckt mit keiner Wimper [17]. “Aber sicher, Nanna. Hab keine Angst!” Ich hole tief Atem. Ich habe aber natürlich weniger Angst um mich selbst, als um die Kleine. “Bist du dir ganz sicher, dass du das willst?”, frage ich sie noch einmal, als wir in der Bahn sitzen und uns anschnallen [18]. “Sicher, Nanna. Entspann dich endlich!” Die Bahn rollt los, wird schneller und immer schneller und schneller, bis die Welt um uns herum verschwimmt [19] und die Zentrifugalkraft [20] meine Nichte fest an mich drückt. “Ist alles okay?”, schreie ich ihr ins Ohr und lege meinen Arm um sie. Doch meine Nichte schüttelt meinen Arm wieder ab und blickt kühn [21] geradeaus. “Lass mich, Nanna! Ich muss mich konzentrieren. Ich trainiere für den Helix!”

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Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, das wars schon wieder für heute. Wir hören uns wieder am 9. November, hier auf podclub.ch oder via App. Dann werde ich Ihnen unter anderem davon erzählen, wie schwierig es ist, Arabisch zu lernen. Üben Sie bis dahin mit dem Vokabeltrainer in unserer App. Fotos zur Sendung finden Sie wie immer auf Instagram unter #zukkerimleben und #podclubnora. Ich wünsche Ihnen eine schöne Zeit. Also dann, bis bald. Auf Wiederhören!

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