Brigit und die Party

September 13th, 2019, Episode 24

Zukker im Leben (CH-D)

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Brigit und die Party

Zukker im Leben (CH-D)

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,
Herzlich Willkommen zur Sendung „Zukker im Leben“ vom 13. September 2019. Nach elf Jahren wird PodClub Ende September eingestellt [1]. Heute hören Sie die vorletzte Sendung. Ich möchte mich ganz herzlich für ihre Treue bedanken. Auch wenn wir uns nie gesehen haben, danke ich Ihnen, dass Sie mir und meinen Geschichten zugehört haben. Heute erzähle ich Ihnen von Brigit, meiner Nachbarin von früher, die ich sehr mag. Wie unser Treffen war, erfahren Sie heute. Und dann erzähle ich Ihnen von einer Geburtstagsparty, wo ich als einzige Person keinen Alkohol getrunken habe. Was mir da für Fragen gestellt wurden, erzähle ich Ihnen ebenfalls heute.
Viel Vergnügen!

***

Brigit sitzt am Fenster. Am Tisch mit einem rot-weiss karierten Tischtuch. Als ich an den Tisch komme, steht sie auf und umarmt mich und sagt: „Also Nora, du siehst noch viel besser aus, als vor zwei Jahren. Das Alter steht dir ausgezeichnet.“ Ich muss sehr lachen. Brigit hat sich kein bisschen verändert mit ihrer direkten Art.
Wir bestellen beide ein Schnitzel mit Kartoffelsalat und ein Bier dazu. Das sei ihr Lieblingsessen, sagt mir Brigit und isst so schnell, dass ich gar nicht hinterher [2] komme. Ich frage sie, warum sie sich letzte Woche aus dem Nichts [3] bei mir gemeldet habe. Sie seufzt [4] und die Tränen schiessen ihr in die Augen: „Ach Nora, das Haus wird abgerissen [5]. Mein Haus. Unser Haus, auch wenn du nicht lange dort gewohnt hast. Es ist schrecklich.“ Ich schaue Brigit an in ihrem verwaschenen Pulli mit dem Blumenmuster. Ihre Haare haben einen leicht violetten Farbton. Ich frage sie, ob sie bereits eine neue Bleibe [6] gefunden habe. Brigit bestellt sich ein neues Bier und dazu einen Kräuterschnaps und sagt dann: „Ja, ich ziehe jetzt in eine WG [7] mit anderen älteren Menschen. Kein Altersheim, aber wir bekommen jeden Tag Hilfe im Haushalt. Ich glaube, das wird ganz lustig.“ Obwohl Brigit aufgestellt [8] ist und wie immer etwas viel redet, werde ich traurig. Sie ist sehr alt geworden, weil sie mir in den nächsten 15 Minuten immer wieder die gleichen Fragen stellt, ohne dass sie es merkt. Als wir bezahlen, holt sie ihr Portemonnaie aus der Handtasche und hält dem Kellner Geldscheine hin.
Er schaut Brigit an und dann mich und dann lacht er und sagt: „Sie sind ja lustig, dachten Sie ich merke das nicht?“ Brigit ist verwirrt und ich merke, dass es Spielgeld [9] ist. Brigit hat Spielgeld dabei, mit dem man beim Monopoly [10] bezahlt. Ich gebe dem Kellner echtes Geld und sage zu Brigit: „Lass uns einen Spaziergang nach Hause machen, ja?“ Brigit nimmt meine Hand und als wir an der Kreuzung stehen, wo wir beide in verschiedene Richtungen müssen, schaut sie mich an, umarmt mich ganz fest und sagt: „Nina, es war schön, dich wieder gesehen zu haben.“

***

Seit ich wieder besser auf den Beinen [11] bin nach meinem Unfall, werde ich wieder zu Parties eingeladen. Eine Zeit lang haben sich viele Leute nicht getraut, mich zu fragen, ob ich auch kommen will, aber statt zu fragen, wurde ich einfach nicht eingeladen. Das kann ich schon verstehen, aber ich finde, fragen sollte man eigentlich immer, absagen [12] kann man dann ja immer noch. Jedenfalls wurde ich letzte Woche von einer Freundin, mit der ich studiert habe, zu ihrer Geburtstagsparty eingeladen. Ich habe sie lange nicht gesehen. Genau darum war ich sehr neugierig, wer dort alles kommt und wie sich alle verändert haben, nachdem wir vor fünf Jahren das Studium abgeschlossen [13] haben.
Ich stehe vor dem Haus und sehe ihren Namen nicht an der Klingel. Nicole Huber? Sie heisst doch Nicole Huber. Es steht „N. Meier“ und „N. Steiner“ an verschieden Klingeln. Zum Glück kommt jemand aus dem Haus und fragt mich, ob ich zu Nicole will. Dann stehe ich im 2. Stock in einer Wohnung und Nicole stürmt auf mich zu [14]. Sie hat es mit dem Parfüm gut gemeint [15]. Sie riecht wie eine Blumenwiese. Sie schaut mich an und sagt: „Du hast so schönen Schmuck an, schon im Studium hast du immer grosse Ringe getragen!“ Bevor ich mich für das Kompliment bedanken kann, fasst sie meine Hände und Ohrringe an. Mir ist es unangenehm, schliesslich haben wir uns fünf Jahre nicht mehr gesehen. In der Küche gibt es ein grosses Buffet [16]. Ich bin sehr fasziniert von den Trauben, die in der Mitte auseinander geschnitten und mit Frischkäse gefüllt sind. Ich frage mich, wer sich die Mühe macht, eine Traube auszuhöhlen [17]. Ich nehme mir einen Teller und ein Glas Wasser und setze mich ins Wohnzimmer an den langen Tisch. Neben mir Nicole, die mir ihren Mann vorstellt: „Das ist Benjamin, wir haben vor einem Jahr geheiratet.“ Ich sage: „Alles klar, deshalb habe ich dich am Klingelschild nicht gefunden, weil du seinen Name angenommen hast.“ Nicole schaut mich mit grossen Augen an und sagt: „Ich würde doch nie meinen Namen behalten wollen, wenn ich schon heirate.“ Ich bin anderer Meinung, wechsle aber das Thema.
Dann fragt mich eine andere Frau: „Warum trinkst du Wasser?“ Ich muss lachen und sage, dass ich aufgeregt sei, wenn ich viele Menschen nicht kenne und wenn ich dann Alkohol trinken würde, wäre ich schnell betrunken. Nicole grinst mich an und bevor ich es merke, liegt ihre Hand auf meinem Bauch. Sie lächelt und fragt mich: „Wölbt sich hier etwa ein Babybäuchlein unter deinem T-Shirt hervor [18]?“ Ich muss mich zusammen reissen, dass ich nicht ausraste [19] und sage: „Nein, das ist eine Family-Pizza!“ Nicole versteht meinen Humor nicht und sagt: „Oh, also doch? Heisshunger [20] und Wasser trinken – alles klar.“ Zehn Minuten später verabschiede ich mich, rufe Anna an und trinke mit ihr eine Flasche Weisswein am Zürichsee.

***

Ich freue mich, wenn ich Ihnen am 27. September, auf podclub.ch und in der App zum allerletzten Mal aus meinem Leben erzählen darf. Dann wird mich Helene Aecherli im Studio besuchen. Ich freue mich, dass wir die letzte PodClub Sendung zusammen machen. Ich würde mich freuen, wenn Sie dann auch noch einmal zuhören. Schauen Sie doch in der Zwischenzeit bei Instagram vorbei und üben Sie mit dem Vokabeltrainer in unserer App. Und noch einmal: Vielen Dank für Ihre Treue in den letzten Jahren.
Auf Wiederhören!

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