Der Eiermann und ein komischer Zufall

April 26th, 2019, Episode 20

Zukker im Leben (CH-D)

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Der Eiermann und ein komischer Zufall

Zukker im Leben (CH-D)

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,
Herzlich Willkommen zur Sendung „Zukker im Leben“ vom 26. April 2019. Sind Sie jemand, der im Tram oder Bus telefoniert? Es gibt ja Menschen, denen ist es total egal, wenn sie sehr private Dinge in der Öffentlichkeit am Telefon besprechen. Was ich alles erfahren habe, ohne dass ich es wollte, verrate ich Ihnen heute. Aber zuerst erzähle ich Ihnen, wer an meiner Türe geklingelt hat. Ich habe niemanden eingeladen. Wer vor meiner Türe stand und was dann passiert ist, erfahren Sie gleich.
Viel Vergnügen!

***

Wenn ich nicht gerade im Büro bin, dann mache ich Homeoffice. Das hat viele Vorteile, aber erfordert [1] auch, dass ich mich wirklich gut strukturiere und meine Zeit einteile. Wäsche waschen, Wohnung putzen, Rechnungen zahlen oder einkaufen gehen, das sind eigentlich Dinge, die sollte ich erst dann machen, wenn ich mit der Arbeit fertig bin. Das klappt leider nie so gut. Ich gehe natürlich am liebsten mitten am Nachmittag einkaufen, wenn andere Menschen noch im Büro sind. Heute bin ich aber sehr fleissig [2] und arbeite konzertiert, bis es klingelt. Ich reagiere nicht, weil ich niemanden erwarte [3]. Es klingelt nochmals. Ich gehe zur Wohnungstüre und drücke den Türöffner [4]: „Grüezi, Frau Zukker! Ich bin der Eiermann.“ Vor mir steht ein grosser Mann mit einem Eierkarton.
Wie er ins Haus gekommen sei, will ich wissen. Es sei ihm gerade jemand entgegengekommen, diese Chance hätte er genutzt. Er schaut neugierig in meine Wohnung und fragt dann: „Der Herr Zukker arbeitet sicher, aber das ist nicht schlimm. Sie sind ja die, die kocht.“ Ich glaube, ich höre nicht richtig und sage schnippisch [5]: „Der Herr Zukker trainiert gerade Karate und hat es nicht so gerne, wenn fremde Männer an unserer Türe klingeln.“ Irgendwie schüchtert [6] das den Eiermann nicht wirklich ein und er packt seinen Katalog aus mit verschiedenen Angeboten. „Frau Zukker, sie müssen nie wieder Eier kaufen und würden jede Woche oder alle zwei Wochen einen Karton in ihrem Briefkasten haben. Wir liefern nach Hause. Ist das nicht ein verlockendes [7] Angebot?“ Gut, da hat er schon recht, das wäre sehr praktisch. „Frau Zukker, wollen Sie lieber rohe oder gekochte Eier?“ Bevor ich antworten kann, redet er schon weiter: „Natürlich rohe, Sie sind ja eine Frau und können kochen.“ Ich stelle mir gerade vor, wie ich diesem unmöglichen, frauenfeindlichen [8] Mann rohe Eier anwerfe und sage: „Dann nehme ich natürlich die rohen Eier. Sie als Mann können ja keine Eier kochen!“ Er schaut mich irritiert an, füllt einen Zettel aus, den ich unterschreibe und er sagt: „Wissen Sie, wie sich ihr Mann freut, wenn Sie ihm jeden Tag ein Ei kochen?“ Ich bleibe freundlich und sage: „Ich freue mich sehr auf die gekochten Eier, die kocht bei mir nämlich immer der Mann.“
Manchmal denke ich, ich sollte wirklich feministischer [9] sein und mich mehr gegen diese frechen [10] Männer wehren. Aber für den Anfang war das gar nicht so schlecht.

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Es ist ein Phänomen [11]. Menschen, die im Tram, Bus oder Zug sehr ausführlich [12] telefonieren. Das ist zwar nicht etwas, was ich gerne mache, weil es mir einfach unangenehm ist: aber es gibt sehr viele Menschen, die es offensichtlich [13] gar nicht stört, wenn andere zuhören können. Heute ist einer dieser Tage, wo ich vergessen habe mein iPhone aufzuladen, bevor ich aus dem Haus gegangen bin. Das bedeutet, dass ich im Tram jetzt auch keine Musik hören kann. Ich sitze hinter einer Frau, die telefoniert und sagt: „Der Alex, der ist doch eigentlich gar nicht so ungeschickt [14]. Aber er ist in diese neue Wohnung gezogen und hat es nicht einmal geschafft, ein Regal aus der IKEA richtig aufzubauen:“ Die Person auf der anderen Seite der Leitung redet sehr viel, die Frau lacht immer wieder ganz laut und sagt dann: „Er sollte doch mit einem Bohrer [15] umgehen können. Aber er hat dann ein Loch in die Wand gebohrt und ich dachte, das kann doch gar nicht wahr sein, aber er hat eine Wasserleitung getroffen und dann stand die ganze neue Wohnung unter Wasser. Stell dir das einmal vor! Ein Zahnarzt kann kein Loch in die Wand bohren!“ Ich zucke zusammen: Alex? Zahnarzt? Bohrer? Ich google im Internet, wie mein Zahnarzt mit Vornamen heisst. Oha! Dr. Alexander Müller. Nein, das kann wirklich nicht sein. Alexander oder Alex, so heissen viele Männer. Obwohl… das letzte Mal als ich bei ihm war, hat er mir erzählt, dass sich seine Frau von ihm hat scheiden [16] lassen und er gerade eine neue Wohnung sucht. Ich sollte eigentlich schon lange aussteigen, aber ich bleibe einfach im Tram sitzen und hoffe, dass die Frau vor mir weiterredet und sich irgendwann herausstellt [17], dass sie sicher nicht von meinem Zahnarzt redet. Aber es wird nur noch schlimmer. Die Frau sagt: „Das ist noch sehr geheim, aber Alex hat seit drei Wochen eine neue Freundin. Er hat sie auf dem Tennisplatz kennengelernt. Sie ist zehn Jahre jünger als seine Exfrau. Ich war gerade gestern mir Silvia essen und es geht ihr sehr schlecht. Ich meine, welche Frau will schon wegen einer jüngeren Frau verlassen werden.“ Dann ist es wieder still und dann sagt die Frau ins Telefon: „Das stimmt, du hast recht. Er ist kein gemeiner [18] Mann. Er hat die neue Frau wirklich erst kennengelernt, als Silvia schon ausgezogen ist. Aber trotzdem! Ach Beziehungen, ich finde es immer furchtbar. Immer wenn ich von Trennungen höre, bekomme ich grosse Angst, dass mir Daniel auch irgendwann für eine 20ig Jährige davonläuft.“ Ich steige bei der nächsten Station aus und setze mich auf eine Bank bei der Tramstation. Ich bin ganz durch den Wind [19]. Mein Telefon klingelt. Ich habe zwar nur noch vier Prozent Akku, aber egal. Am Telefon ist die Sprechstundenhilfe [20], sie organisiert die Termine des Zahnarztes: „Grüezi Frau Zukker, wir möchten gerne den Termin von morgen bei Dr. Müller bestätigen [21].“
Ich sage: „Es tut mir wahnsinnig leid, aber mir ist leider ein beruflicher Termin dazwischengekommen.“ Die Sprechstundenhilfe sagt: „Das ist nicht so schlimm, aber Dr. Müller sollte das Loch in Ihrem Zahn wirklich bald flicken [22], sonst bekommen Sie Schmerzen.“ Ich überlege einen Moment und sage dann: „Sollte Dr. Müller nicht zuerst die Löcher in seiner Wand flicken?“ Dann lege ich das Telefon auf, bevor die Sprechstundenhilfe reagieren kann.

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Ich freue mich sehr, wenn ich Ihnen am 10. Mai, dann wieder auf Hochdeutsch, auf podclub.ch und in der App wieder aus meinem Leben erzählen darf. Dann werde ich Ihnen erzählen, was am 1. Mai in Zürich los war. Das ist ja der Tag der Arbeit, wo wir aber nicht arbeiten müssen, sondern viele Menschen auf die Strasse gehen und für mehr Gerechtigkeit in der Arbeitswelt demonstrieren.
Schauen Sie doch bei Instagram vorbei und üben Sie mit dem Vokabeltrainer in unserer App. Auf Wiederhören!

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