“Salz für Nähmaschinen”, Jagd auf Staub

November 23rd, 2018, Episode 15

Zukker im Leben (CH-D)

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“Salz für Nähmaschinen”, Jagd auf Staub

Zukker im Leben (CH-D)

Guten Tag, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, heute ist der 23. November, herzlich willkommen zur Sendung Typisch Helene. Ich hoffe, es geht Ihnen gut und Sie lassen sich vom Vorweihnachts-Rummel [1] nicht allzu sehr stressen. Hier geht es nun gleich um den Jemen: Ich erzähle Ihnen von meinem Projekt “Salz für Nähmaschinen”, das ich in einer jemenitischen Provinz finanziere. Danach hören Sie eine kleine Reportage über meine Jagd auf Staub. Sind Sie bereit? Dann legen wir los.

***

Am Anfang meines Projekts “Salz für Nähmaschinen” steht meine grosse Liebe für den Jemen. Wie ich Ihnen in der letzten Sendung erzählt habe, lerne ich seit Jahren Arabisch. Vor elf Jahren machten wir mit unserer Arabisch-Gruppe eine Reise nach Sana’a, in die Hauptstadt von Jemen, und seither ist das Land so etwas wie meine zweite Heimat. Ich bin immer wieder in den Jemen gereist und habe dort inzwischen viele Freundinnen und Freunde. Aber seit im Jemen Krieg ist, kann ich das Land nicht mehr besuchen. Dafür schicke ich meinen Freunden fast jeden Tag Nachrichten über Whatsapp oder Facebook und frage nach, wie es ihnen geht. Sie sind zum Glück alle noch am Leben. Ich will natürlich auch etwas für sie tun – und damit kommen wir zu meinem Projekt: Ein guter Freund von mir, Jamil, hat jahrelang an einem Weihnachtsmarkt in Zürich Körbchen [2] verkauft, die er mit Fleur de Sel von der jemenitischen Insel Socotra füllte. Diese Körbchen werden von seiner Schwester Bushra und ihren Freundinnen hergestellt. Bushra lebt in einem Dorf in der Provinz Ibb, etwa 150 Kilometer südlich von Sana’a entfernt. Da ich Fleur de Sel liebe und auf traditionelles Handwerk stehe [3], habe ich ihm immer viele solcher Körbchen abgekauft. 
Als Jamil wegen des Krieges nicht mehr nach Zürich kommen konnte, habe ich ihn gefragt, ob er mir nicht 15 Körbchen schicken könnte. Drei Woche

n später erhielt ich ein Paket mit 55 Körbchen und drei Kilo Salz. Ich war erst total verblüfft [4], wurde dann aber ziemlich wütend. 55 Körbchen! Was sollte ich mit 55 Körbchen? Als ich mich dann wieder ein bisschen beruhigt hatte, hatte ich eine Idee: Ich könnte die Körbchen doch verkaufen und aus dem Erlös [5] ein Projekt in Ibb finanzieren. Ich bat Jamil, seine Schwester zu fragen, was die Menschen in ihrem Dorf am dringendsten benötigten. Sie antwortete: „Ein bis zwei Nähmaschinen, Stoffballen und zwei Lehrerinnen. Wir brauchen eine Handarbeitsschule.“ Ehrlich gesagt, ich war zuerst ein bisschen enttäuscht. Ich hatte etwas anderes erwartet. Ich hatte erwartet, dass sie Medikamente für das lokale Spital brauchen oder vielleicht sogar Geld für einen Brutkasten [6]. Nähmaschinen, das fand ich nun schon sehr stereotyp. Bushra aber sagte: „Wir brauchen Projekte, die es jungen Frauen ermöglichen, etwas zu erlernen, mit dem sie ihre Familien unterstützen und sich vielleicht ein kleines Einkommen erwirtschaften [7] können. Womöglich können sie dadurch sogar ihre Heiratschancen verbessern. Für die jungen Frauen hier wäre ein solches Projekt ein Traum.“ Der Krieg im Jemen, erklärte sie, hat die Infrastruktur im Dorf und die Perspektiven der Einwohner fast komplett zerstört. Wir haben keinen Strom mehr, kaum Wasser, kaum Geld für Nahrungsmittel wie Zucker und Mehl. Zudem fliehen viele Menschen zu uns ins Dorf zurück, weil es hier trotz allem sicherer ist als in den Städten.“ Ich sagte mir: “Okay, es geht hier nicht darum, was ich mir vorstelle, sondern was Bushra braucht. Und wenn es ein Handarbeitskurs ist, dann ist es eben ein Handarbeitskurs!” Mein Projekt hiess ab sofort: “Salz für Nähmaschinen”. 
Ich begann, die Salzkörbchen für 15 Franken pro Stück zu verkaufen und machte auf den sozialen Medien Werbung dafür. Gleichzeitig erstellten [8] Jamil und ich einen Businessplan. 
Wir schrieben auf: zwei Nähmaschinen, zwei grosse Arbeitstische, den Lohn für zwei Lehrerinnen, die Miete für einen Unterrichtsraum mit WC, zehn Stoffballen, je zwei Pakete Nadeln und Faden, acht Scheren, 16 Unterrichtsbücher sowie den Betrag für den Transport der Waren von Sana‘a nach Ibb. Der Unterricht würde immer am Dienstag, Donnerstag und Samstag stattfinden. Bushra ernannten wir zur Projektleiterin vor Ort. Innerhalb von wenigen Wochen hatten sich 48 junge Frauen für den Kurs angemeldet. Das war ein Riesenerfolg. Und bis heute kommen immer neue Frauen hinzu. Die Frauen nähen wunderschöne Kleider für sich selbst, aber auch für die Mädchen im lokalen Waisenhaus [9]. Das zu wissen, ermutigt [10] mich, das Projekt in Gang zu halten [11], auch wenn es immer komplizierter wird. Man kann mir zum Beispiel nicht einfach innerhalb ein paar Wochen neue Körbchen liefern, denn Warenexporte aus dem Jemen sind fast unmöglich geworden. Das letzte Paket mit neuen Körbchen wurde mit einem UNO-Flugzeug von Sana’a nach Djibouti geschickt, von dort aus ging es nach Paris und dann nach Zürich. Ziemlich abenteuerlich. Aber eben: Solange es nur irgendwie geht, machen wir einfach weiter.

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Und jetzt, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, kommen wir zu einem Thema, das Sie ganz sicher auch sehr gut kennen: Die Jagd auf Staub. Ich habe diese Jagd erst vor kurzem wieder einmal erlebt, und zwar ausgerechnet [12] dann, als ich den Text für diesen Podcast schrieb. Ich sass am Schreibtisch in meiner Wohnung und hatte gerade einen neuen Satz angefangen, als ich aus unerfindlichen [13] Gründen auf das Fensterbrett blickte. Ich sah zuerst mal die Spinne. Aber die störte mich nicht gross. Ich habe viele Spinnen in meiner Wohnung und habe mich längst an sie gewöhnt. Ja, ich vermisse sie sogar, wenn ich sie mal nicht sehe. 
Nein – ich sah Staub. Einen richtig dicken Klumpen [14] Staub. Und als ich genauer hinsah, erblickte ich ganz viele dieser Staubklumpen. Uff. Wie waren die auf einmal auf mein Fensterbrett gekommen? Am Tag zuvor waren die nämlich noch nicht dagewesen, da war ich mir ganz sicher. Echt, die mussten sich über Nacht gebildet haben. Ich vergass meinen Text auf der Stelle, rannte in die Küche, holte einen Lumpen [15] und begann, den Staub wegzuwischen [16]. Im ersten Moment fühlte ich mich erleichtert. Sie kennen das sicher, dieses Gefühl der ganz tiefen Erleichterung, wenn man den Staub weggewischt hat, oder? Das macht einen sogar richtig euphorisch. Aber dann machte ich einen Fehler: Ich schaute unter den Tisch –  und entdeckte noch mehr Staub –  nur waren die Klumpen auf dem Boden noch viel grösser als die auf dem Fensterbrett. Ich war entsetzt [17]! Klar, ich putze meine Wohnung nicht jeden Tag, aber habe ich wirklich eine derart schlechte Ordnung? Bin ich so schmuddlig [18]? Ich achte sehr darauf [19], dass alles immer einigermassen sauber und aufgeräumt ist, und nun das! Ich rannte wieder in die Küche, holte diesmal ein spezielles Staubtuch, kroch [20] unter den Tisch und jagte die Staubklumpen. Irgendwann begannen meine Knie zu schmerzen, aber ich beachtete die Schmerzen nicht. Ich war so auf den Staub fokussiert, dass ich an nichts anderes denken konnte. Ich hatte einen regelrechten Killerinstinkt entwickelt. Als ich wieder auftauchte, fühlte ich mich grossartig – als hätte ich eine Schlacht [21] gewonnen. Ich setzte mich auf einen Stuhl und atmete tief durch. Doch dann blickte ich auf das Büchergestell. Ich stand auf, ging langsam näher und blickte hinter die Bücher. Und ja, Sie können sich sicher vorstellen, was ich dort sah. Ganze Staub-Universen. Das war mir dann doch zu viel. Ich rannte aus dem Zimmer, zog mir Jacke und Schuhe an und ging aus dem Haus. 
Um das Büchergestell würde ich mir später kümmern. Um den Text auch. Und wie Sie hören – habe ich das dann auch getan. 

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Ja, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, das war‘s für heute. Wir hören uns wieder am 7. Dezember auf Deutsch, hier auf podclub.ch oder via App. Dann habe ich wieder einen Gast im Studio. Ich freue mich jetzt schon darauf, ihn Ihnen vorzustellen. Üben Sie bis dahin mit dem Vokabeltrainer in unserer App. Fotos zur Sendung finden Sie wie immer auf Instagram unter #zukkerimleben und #podclubnora. Und dies war übrigens meine letzte Sendung auf Schweizerdeutsch. Das nächste Mal hören Sie wieder Nora Zukker. Ich wünsche Ihnen eine schöne Zeit. Bis bald. Auf Wiederhören!

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