Viktor und seine Kakteen und warum ich fast Silvester verschlafen habe

January 9th, 2018, Episode 5

Zukker im Leben (CH-D)

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Viktor und seine Kakteen und warum ich fast Silvester verschlafen habe

Zukker im Leben (CH-D)

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,
Ich hoffe, Sie hatten schöne Weihnachtstage und sind gut ins neue Jahr gestartet. Herzlich willkommen zur Sendung „Zukker im Leben“ vom 19. Januar 2018. Viktor wohnt jetzt bei Brigit und es gab schon den ersten Streit zwischen den beiden. Davon werde ich Ihnen heute erzählen. Und wissen Sie was? Ich habe um ein Haar [1] Silvester verschlafen. Wie es so weit gekommen ist, erfahren Sie ebenfalls heute.
Viel Vergnügen!

***

Können Sie sich noch an Viktor erinnern? Er hat mir und Brigit geholfen, Brigits Wohnung zu entrümpeln [2]. Brigit kennt ihn von früher und war ja immer unsterblich [3] in ihn verliebt, aber Viktor hat dann Brigits beste Freundin geheiratet. Heute ist er wieder geschieden und Brigit und er haben sich in letzter Zeit oft getroffen und dann ging alles ganz schnell und Viktor ist bei ihr eingezogen. Brigit hat letzte Woche bei mir geklingelt und war ganz aufgeregt. Ich habe uns Kaffee gemacht und sie ausnahmsweise in meiner Küche rauchen lassen, sie war so nervös.
Brigit sagt zu mir: „Nora, ich habe noch nie mit einem Mann zusammen gewohnt. Und jetzt bin ich schon 65. Denkst Du, das wird ein Desaster [4]?“ Ich habe auch noch nie mit einem Mann zusammen gewohnt, also kann ich Brigit keine Ratschläge [5] geben. Ich überlege und sage dann zu ihr: „Schau doch einfach, wie es wird und ob du dich wohl fühlst. Und wenn Du es nicht gut findest, kann er ja wieder ausziehen.“ Brigit kratzt sich an den Unterarmen bis sie ganz rot sind und sagt dann: „Das hat Viktor auch vorgeschlagen. Er hat seine Wohnung deshalb auch nicht aufgegeben, sondern untervermietet [6].“ Ich frage Brigit, ob sie denn seit der Räumung [7] wirklich nicht wieder zu viele Sachen gesammelt hat. Sie strahlt mich an und sagt: „Nein, ich bin ganz stolz auf mich. Ich habe sogar meine Kleider aussortiert und jetzt hat es genug Platz für Viktors Sachen.“ Brigit umarmte mich, bedankte sich für das Gespräch und ging zurück in ihre Wohnung.
Als ich heute Morgen aus dem Haus gehe, höre ich einen lauten Schrei und bleibe vor Brigits Wohnung abrupt [8] stehen. Dann ist es still und ich gehe weiter, hole die Zeitung aus meinem Briefkasten. Neben meinem Kopf knallt [9] ein Blumentopf auf den Boden. Brigit steht am Fenster und wirft den nächsten Kaktus vom Balkon.
Ich erschrecke mich sehr und schreie nach oben: „Spinnst du? [10] Was machst du Brigit?“ Sie stützt ihre Hände in die Hüften und sagt: „Viktor hat zwanzig Kakteen mitgebracht. Ich hasse Kakteen. Das sind hässliche Pflanzen, an denen man sich verletzen kann.“ Ich verdrehe die Augen und sage zu ihr: „Jetzt bist du sehr ungerecht. Wenn jemand verstehen sollte, dass man gerne Dinge sammelt, dann ja wohl du, Brigit!“ Sie schaut mich an und findet mich gerade sehr mühsam, weil sie weiss, dass ich recht habe. Sie schliesst das Fenster. Ob das gut kommt mit Viktor und Brigit weiss ich gerade nicht mehr. Brigit verhält sich wie ein Teenager. Irgendwie ist es aber beruhigend, dass Menschen mit 65 immer noch überfordert sind, wenn es um die Liebe geht.

***

Es ist jedes Jahr das Gleiche. Kaum hat man die Weihnachtstage hinter sich, sind alle schon wieder im Stress für die Silvesterparty. Ich habe Ihnen ja erzählt, dass meine Eltern dieses Jahr über Weihnachten weggefahren sind. Ich hatte also sehr entspannte Weihnachten und war am Heiligabend [11] bei der Familie eines Freundes zum Essen eingeladen. Sonst habe ich während den freien Tagen geschlafen und Serien auf Netflix geschaut. Und wie jedes Jahr wusste ich dann irgendwann gar nicht mehr, welcher Wochentag ist. Nur noch 26., 27. und dann plötzlich 31. Dezember. Ich mag Silvester nicht. Wenn man extra bis Mitternacht wach bleiben muss, um dann anzustossen und sich gegenseitig alles Gute für das Neue Jahr wünscht, bin ich immer etwas skeptisch [12].
Weil es so geplant ist und man gute Laune haben sollte. Es gibt ja unglaublich viele Menschen, die Vorsätze [13] fassen für das neue Jahr - und sie dann doch nicht umsetzen [14].
Ich habe die letzten Jahre aber immer entspannt gefeiert. Ein normales Abendessen mit Freunden, wo wir uns nicht zu früh treffen, damit niemand vor Mitternacht müde ist und schon nach Hause will. Dieses Jahr habe ich bei meiner besten Freundin Anna gefeiert. Sie wohnt in einer Wohnung mit einer atemberaubenden [15] Aussicht [16], von der aus man das Feuerwerk am Zürichsee sehen kann. Dieses Feuerwerk kostet übrigens 750‘000 Franken und dauert fünfzehn Minuten. Anna hat noch Benjamin eingeladen und wir machen zu dritt Käsefondue. Jeder bringt etwas mit. Ich bringe Blumen und eine Tischbombe [17]. Anna will schon vor dem Essen Blei giessen. Das machen viele Menschen an Silvester. Man hält ein Stück Blei [18] auf einem Löffel über eine Kerze und wenn das Blei schmilzt, kippt man es in eine Schüssel mit kaltem Wasser. Dann nimmt man es aus dem Wasser und schaut, was es sein könnte. Es gibt unendlich viele Interpretationsmöglichkeiten und das Lustige ist, es sehen alle Bleistücke ähnlich aus, aber das ist egal. Anna schaut ihr verkrüppeltes [19] Ding an und sagt: „Das ist eindeutig ein Walfisch!“ Ich lache und Benjamin schaut in der Anleitung [20] nach, was das bedeutet und sagt: „Anna, 2018 sollst du deinem Körper Gutes tun!“
Wir lachen alle, weil Anna gerade arbeitslos ist und eh nichts anderes macht, als in die Sauna oder ins Nagelstudio zu gehen. Ich sage: „Ich habe einen Delfin!“ Benjamin schaut wieder nach und sagt zu mir: „Nora, du findest im neuen Jahr deinen Traummann!“ Ein bisschen hoffe ich natürlich schon, dass das stimmt, aber das sage ich niemandem.
Nach dem Essen und dem vielen Wein ist mir etwas schlecht. Ich frage Anna, ob sie eine Tablette gegen Übelkeit hat. Sie sagt: „Ja, rechts neben den Kopfschmerztabletten. Sie sind nicht angeschrieben, einfach die rechts nehmen.“ Ich hole mir eine Tablette, nehme zur Sicherheit eine zweite und setzte mich wieder an den Tisch. Ich werde sehr müde. Es ist Viertel vor zwölf und ich kann mich fast nicht mehr auf den Beinen halten [21]. Ich schlafe sogar am Tisch ein. Um zwanzig nach 12 wache ich auf, weil das Feuerwerk so laut ist. Die anderen stehen auf dem Balkon. Benjamin gibt mir ein Glas Champagner und Anna schaut mich an und sagt: „Welche Tablette hast du genommen?“ Ich sage: „Die links von den Kopfschmerztabletten.“ Anna kreischt [22] und sagt: „Aber das sind Schlaftabletten.“ Nach dem Feuerwerk lege ich mich sofort bei Anna aufs Sofa und schlafe bis um vier Uhr nachmittags durch. So entspannt bin ich noch nie ins neue Jahr gestartet.
Wie haben Sie Silvester gefeiert, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer? Mögen Sie dieses Fest oder gehen sie um 23 Uhr ins Bett und wachen am 1. Januar lieber entspannt und ausgeschlafen im neuen Jahr wieder auf? Schreiben Sie mir, ich bin gespannt!

***

Ich freue mich sehr, wenn ich Ihnen am 2. Februar, dann wieder auf Hochdeutsch, auf podclub.ch und in der App wieder aus meinem Leben erzählen darf. Tom ist ausgezogen, warum werde ich Ihnen natürlich erzählen. Und ich hatte ein Date. Vielleicht stimmt das eben doch, was das Bleigiessen prophezeit [23].
Schauen Sie doch in der Zwischenzeit bei Instagram unter #PodClubNora und #zukkerimleben vorbei und üben Sie mit dem Vokabeltrainer in unserer App.
Auf Wiederhören!

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