Blinde Kuh

July 21st, 2017, Episode 53

Andrea erzählt (CH-D)

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Blinde Kuh

Andrea erzählt (CH-D)

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur Sendung "Andrea erzählt" vom 21. Juli 2017. Es freut mich sehr, sind Sie wieder mit dabei. Auch wenn heute für mich ein bisschen ein trauriger Tag ist. Dies hier ist nämlich mein letzter Podcast. Ich habe diese Arbeit wirklich sehr gerne gemacht. Aber ab und zu ist es auch Zeit für etwas Neues. Deshalb nehme ich Sie zum Abschied [1] mit an einen Ort, an dem man garantiert [2] immer etwas Neues erlebt. In die "Blinde Kuh". Das ist ein ganz besonderes Restaurant in Zürich und Basel. Lassen Sie sich überraschen!

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Kennen Sie das Sprichwort: Das Auge isst mit? Es bedeutet, dass es für uns nicht nur wichtig ist, wie eine Speise [3] schmeckt [4]. Es ist uns wichtig, dass sie schön aussieht. Wenn sie hässlich oder eklig [5] aussieht, ist es für uns schwierig, sie zu essen. Sogar dann, wenn sie eigentlich super gut schmeckt. Vielleicht kennen Sie das ja von französischem Käse. Er sieht oft aus, als wäre er verdorben [6] und voller Schimmel [7]. Aber er schmeckt wunderbar.

In Zürich und Basel gibt es seit einigen Jahren Restaurants, in denen man sein Essen nicht sieht. Und nicht nur das: Man sieht nämlich auch sonst gar nichts. Die Restaurants heissen "Blinde Kuh". Das ist der Name eines Spiels. Dabei werden einem Kind die Augen verbunden [8]. Die anderen Kinder rufen nun: "Fang mich doch! Fang mich doch! Hier bin ich!" Das "blinde" Kind muss sie nun fangen. Sobald es eines erwischt [9] hat, muss dieses die blinde Kuh spielen.

Die Restaurants wurden von einer besonderen Stiftung [10] gegründet. Die Idee: Menschen die sehen können, sollen mal erleben, wie es ist, blind zu sein. Man lernt wirklich sehr viel dabei!

Das erste Mal war ich mit meinem Mann dort. Er sagte zu mir: "Heute essen wir an einem ganz besonderen Ort." Ich freute mich und fragte ihn: "Was soll ich anziehen? Das rote Kleid?" Doch er meinte nur: "Ach, das ist egal." Hm, dachte ich. Das ist doch sehr komisch. Mein Mann mag es sonst sehr, wenn ich schöne Kleider und Schuhe trage. Bald verstand ich, warum es ihn nicht interessierte: Wir standen nämlich in der Eingangshalle [11] zur "Blinden Kuh". Hier sucht man aus, was man drinnen essen will - im Dunkeln kann man ja keine Speisekarte [12] lesen. Dann muss man sein Handy ausschalten und sogar die Uhren mit leuchtenden Anzeigen ausziehen. Sie würden die Dunkelheit im Restaurant stören.

Wenn man bereit ist, wird man von einer sehbehinderten Person abgeholt. Unsere Begleitperson hiess Rita. Ich musste sie bei den Schultern fassen. Mein Mann legte seine Hände nun auf meine Schultern und so weiter. Zum Schluss waren wir eine Kette aus etwa sechs Leuten. Rita brachte uns nun durch zwei Vorhänge hindurch in einen absolut schwarzen Raum. Glauben Sie mir: Das war am Anfang recht unheimlich! Und etwas schwindelig [13] wurde uns auch. Aber keine Angst. Das geht vorbei. Und es lohnt sich.

Rita brachte uns zu unserem Tisch und sagte: "Oben auf zwei Uhr ist euer Glas. Wenn ihr etwas braucht, sagt ihr einfach meinen Namen. Ich werde dann zu euch kommen. Das Essen kommt auch gleich." Auf zwei Uhr? Mein Mann erklärte mir, dass sehbehinderte Menschen die Position der Dinge oft wie auf einer Uhr beschreiben [14]. Zwölf Uhr ist also ganz oben und sechs Uhr ganz unten. Leider half es nicht. Ich schaffte es trotzdem, im Dunkeln mein Glas umzustossen, als ich einen Schluck trinken wollte. Von da an tastete [15] ich immer ganz vorsichtig auf dem Tisch herum, wenn ich etwas suchte.

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Bald kamen unsere Teller mit Fleisch, Erbsen und Kartoffelpüree. Wir versuchten zu essen. Das war lustig. Erbsen zu essen ist ja schon mit Licht schwierig. Aber im Dunkeln ist es so als würde man kleine Tierchen jagen. Man sieht sie nicht und sie rollen ständig davon. Irgendwann verlor ich die Geduld [16] und fing an mit den Händen zu essen. Ich flüsterte zu meinem Mann: "Sorry, aber ich verhungere, wenn ich nicht mit den Händen auf dem Teller fühlen kann, wo mein Essen ist. Geht es dir auch so?" Er gab mir keine Antwort. Ich fragte: "Hallo? Hast du mich gehört?" Da musste er lachen und sagte: "Ja, klar. Entschuldigung. Ich habe genickt. Dabei konntest du das ja gar nicht sehen."

Langsam wurden wir entspannter. Und wir setzten uns ganz nahe nebeneinander. Denn irgendwie findet man im Dunkeln schnell heraus, wie wichtig es ist, die Dinge mit den Händen zu berühren, um sie zu verstehen. Auch für die Kommunikation zwischen Menschen. Sobald ich spürte, wie nahe mein Mann war, fühlte ich mich gleich viel sicherer.

Wir wollten noch ein Glas Wein bestellen. Also sagte ich einfach: "Rita?" Nur wenig später hörte ich eine Stimme hinter mir. "Ja bitte?" Das war für uns wie Zauberei. Wie konnte sie uns in dem ganzen Lärm hier hören? Und wie konnte sie unseren Tisch finden? Wir fragten sie. Denn das ist etwas ganz Tolles an der "Blinden Kuh". Fragen ist hier ausdrücklich [17] erlaubt.

Rita sagte: "Das muss man alles natürlich gut üben. Es braucht Jahre. Und weil wir so viel mit dem Gehör [18] arbeiten, müssen wir uns immer sehr konzentrieren. Davon wird man schneller müde, als wenn man auch noch die Augen brauchen kann." Ich verstand sie sehr gut! Denn als wir fertig gegessen hatten und rauskamen, waren wir erschöpft [19]. Ich hatte das Gefühl, wie seien etwa drei Stunden im Dunkeln gewesen. Aber mein Mann zeigte auf die Uhr und sagte: "Schau mal, das ist ja unglaublich. Wir waren nur etwa eineinhalb Stunden da."

Seit diesem Besuch bin ich völlig fasziniert von der Welt im Dunkeln und davon, was sehbehinderte Menschen leisten. Wir waren danach noch ein paarmal in der "Blinden Kuh". Dazu muss man übrigens lange im Voraus reservieren. Einmal nahmen wir sogar unsere Kinder mit. Als ich sie später fragte, was ihnen am besten gefallen habe, sagen sie: "Das Dessert. Als man die verschiedenen Eissorten erraten musste. Das war so schwierig. Ich glaube, wir haben keine einzige herausgefunden."

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Vor kurzem durften mein Mann und ich an einer Schule für sehbehinderte Kinder Märchen erzählen. Das war sehr speziell. Denn am Anfang wussten wir nicht recht, was wir anders machen sollten, als bei sehenden Kindern. Wir brauchen zum erzählen ja nicht nur unsere Stimmen sondern auch die Mimik. Recht schnell war klar: Es macht keinen Unterschied. Irgendwie konnten die Kinder nämlich hören, ob wir ganz normal mit Mimik erzählten - oder eben nur mit unseren Stimmen.

Ich bin sehr froh um diese Erfahrung. Denn vor ein paar Wochen hat uns die "Blinde Kuh" in Zürich gefragt, ob wir bei ihnen Märchen erzählen möchten. Natürlich haben wir sofort "Ja" gesagt. Wir freuen uns riesig auf den Anlass! Am 17. September dürfen wir für das Food Zürich-Festival Märchen im Dunkeln erzählen. Das Ganze ist eine Kinder-Matinée [20] mit einem Mittagessen dazu. Das wird sicher spannend. Wer weiss, vielleicht sehen wir uns ja dort. Oder besser gesagt: Vielleicht hören wir uns ja dort. Es würde mich sehr freuen!

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Nun ist es also soweit. Es ist Zeit, mich bei Ihnen zu bedanken und mich zu verabschieden. Sie werden mir fehlen. Ich wünsche Ihnen einen wunderbaren Sommer. Besuchen Sie uns auch auf Instagram unter #PodClubAndrea und #andreaerzaehlt. Ich hoffe sehr, dass Sie auch am 25. August wieder über podclub.ch oder unsere App mit dem Vokabeltrainier dabei sind, wenn es neu heisst "Zukker im Leben".

Willkommen, liebe Nora!

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