Hünenberg

March 31st, 2017, Episode 49

Andrea erzählt (CH-D)

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Hünenberg

Andrea erzählt (CH-D)

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur Sendung «Andrea erzählt» vom 31. März 2017. Es freut mich sehr, sind Sie wieder mit dabei. Langsam habe ich Ihnen ja schon von sehr vielen Orten erzählt, die mir wichtig sind. Einige haben Sie vermutlich gekannt oder schon von ihnen gehört, andere nicht. Heute erzähle ich Ihnen von einem ganz kleinen Ort. Es ist ein Dorf im Kanton Zug und heisst Hünenberg. Ich kenne es nur, weil meine Grossmutter früher dort gelebt hat. Damals gab es hier nur knapp [1] 2000 Menschen. Heute sind es viermal mehr. Ich war seither nie wieder dort und weiss nicht, wie es heute aussieht. Dennoch habe ich in Hünenberg viel erlebt und denke oft daran. Vor allem, wenn ich ein Buch lese und darin ein Dorf vorkommt [2]. Dann sieht es in meinem Kopf meistens aus wie Hünenberg.

***
Meine Grossmutter war eine mutige, kleine Frau. Sie hatte acht Kinder. Das war oft schwer. Vor allem, weil mein Grossvater ihr nicht half und nicht nett war zu ihr und den Kindern. Meine Grossmutter war katholisch. Sie glaubte sehr fest an Gott. Sie sagte immer zu mir: «Weisst du, das hilft mir. Wenn etwas schwierig ist, sage ich zu Gott: Bitte hilf mir. Ich glaube, dass er schon weiss, warum er es mir manchmal schwer macht [3].»

Ich selbst bin ohne Kirche aufgewachsen [4]. Meine Grossmutter hat mir aber gezeigt, wie man betet. Das hat mir gefallen. Nur etwas konnte ich nicht verstehen und fragte immer wieder: «Warum heisst er „lieber“ Gott, wenn er macht, dass so viele Menschen auf der Welt ein schweres Leben haben?» Meine Grossmutter sagte dann einfach: «Er weiss schon, was er tut.» Das war für mich als Kind schwierig zu glauben. Wenn Gott alles tun konnte, warum konnte er dann nicht machen, dass die ganze Welt glücklich war? Aus diesem Grund mochte ich auch die Kirche nicht. Sie war für mich ein eher trauriger Ort.

Irgendwann war meine Grossmutter so unglücklich mit ihrem Ehemann und vielleicht auch mit Gott, dass sie es nicht mehr aushielt [5] . Da sagten ihre erwachsenen Kinder: «Nimm die Kleinen und geh von Vater weg!» Aber meine Grossmutter sagte: «Für Katholiken ist es doch verboten, sich scheiden zu lassen.» Aber als es immer schlimmer wurde, ging sie trotz ihrer Religion fort. Das war sehr, sehr mutig von ihr.

Ab da wohnte sie an vielen verschiedenen Orten. In der ersten Zeit wusch sie Salat für die Migros. Später lernte sie, wie man Füsse medizinisch massiert [6]. Der Ort an den ich mich am besten erinnern kann, ist Hünenberg. Dort wohnte meine Grossmutter in einem sehr alten Haus mitten im Dorf. Meine beiden Tanten waren noch Teenager und lebten bei ihr.
Gleich auf der anderen Seite des Dorfplatzes [7] war die Kirche. Sie machte mir Angst. Ihre Glocken waren laut und daneben war der Friedhof [8].
Trotzdem musste ich jeden Sonntag mit meiner Grossmutter hin. Wenigstens mochte ich die bunten Fenster — und die Rituale. Deshalb sagte ich jeweils zu ihr: «Ich komme nur mit, wenn du mir etwas von deiner Hostie gibst.»

Wahrscheinlich wissen Sie, was das ist. Es ist eine Art Keks aus Wasser und Mehl. Die Katholiken bekommen ihn nach dem Gottesdienst [9]. Der Pfarrer legt ihn den Menschen auf die Zunge. Die Hostie ist ein Symbol für das Brot, das Jesus an seinem letzten Abend mit seinen Jüngern [10] gegessen hat. Und es ist auch ein Symbol für seinen Körper. Das ist allerdings recht kompliziert zu erklären.

Da ich nicht katholisch war, bekam ich keine Hostie. Deshalb wollte ich sie natürlich erst recht [11] haben. Meine Grossmutter sagte dann: «Psst. Wenn du ganz still bist, bringe ich dir ein Stück davon.»

Dann ging sie nach vorne und der Pfarrer legte ihr die Hostie auf die Zunge. Sie schluckte sie aber nicht, sondern nahm sie rasch aus dem Mund und versteckte sie in ihrer Hand. Dann gab sie mir die Hälfte und sagte: «Da. Aber du darfst es niemandem erzählen! Gott versteht es sicher. Er liebt alle Kinder.» Ich fand unser Geheimnis mit Gott so toll, dass ich bis heute gerne Soft-Eis esse. Die Waffeln [12] dazu schmecken nämlich ganz ähnlich wie Hostien.

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In jener Zeit las ich viele altmodische [13] Bücher. Ich mochte Geschichten mit armen Mädchen, die immer lieb und brav waren und allen halfen. Ich wäre gern selbst so gewesen – aber ich war einfach zu rebellisch dafür. Bei meiner Grossmutter stellte ich mir trotzdem gern vor, ich wäre so ein Mädchen. Ich ging nach draussen und machte schöne Blumensträusschen. Oder ich half ihr, Holunder [14] zu sammeln und daraus Sirup zu kochen. Meine beiden Tanten hatten grosse Freude an mir, wenn ich lieb war. Einmal gegeben sie mir sogar einen Brief. Darin stand: «Es ist schön, wie brav du bist.» Ich war glücklich. Aber leider gab es da auch noch ein Teufelchen [15] in meinem Kopf. Es sagte zu mir: «Andrea, das ist deine grosse Chance! Jetzt kannst du endlich fragen, was du schon lange wissen willst.» Ich spürte [16] genau, dass ich das besser nicht tun sollte. Aber ich fragte trotzdem: «Papa sagt immer, eure Brüste seien so flach wie Spiegeleier [17]. Stimmt das wirklich?» Meine Tanten waren völlig schockiert und riefen: «Das war ganz, ganz böse von dir! Du machst uns traurig.»
Ich war enttäuscht. Erstens, weil ich jetzt nicht mehr das liebe Mädchen aus meiner Fantasie war. Und zweitens, weil meine Tanten mir keine Antwort auf meine Frage gaben. Als ich meinem Vater zuhause alles erzählte, schämte er sich sehr. Er musste aber auch so lachen, dass ihm die Tränen die Wangen hinunterliefen. Er sagte immer wieder: «Oje, oje, wie peinlich [18]!» Und dann lachte er schon wieder los.

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Die dritte Geschichte aus Hünenberg ist etwas weniger komisch. Da ich manchmal für längere Zeit bei meiner Grossmutter wohnte, sagte sie: «Ich habe im Kindergarten gefragt. Du darfst auch hingehen.» Ich wollte nicht. Aber es nützte nichts. Ich glaube, Grossmutter war einfach froh, wenn sie manchmal in Ruhe arbeiten konnte.

Sie fragte die Nachbarsfamilie, ob ich mit ihrem Jungen mitgehen dürfe. Schon am nächsten Morgen kam er und holte mich ab. Wir redeten nicht sehr viel. Er sagte nur: «Ich bin sehr mutig, musst du wissen. Und du? Bist du auch mutig?» Ich sagte: «Logisch!». Auf unserem Weg kamen wir durch einen kleinen Wald. Dort sagte der Junge: «Los, mach die Augen zu.» Weil ich mutig sein wollte, tat ich es. Da küsste er mich schnell auf den Mund. Ich wurde so böse, dass ich beschloss [19], nie wieder mit ihm zu sprechen. Bis zum Kindergarten sagte ich kein Wort mehr. Und als der Kindergarten vorbei war, rannte ich alleine zur Grossmutter nach Hause.

Ich weiss nicht, wer von uns beiden dümmer war. Der Junge, weil er mich geküsst hat oder ich, weil ich danach nicht mehr sprach. Alle Kinder im Kindergarten sagten: «Das ist eine dumme Kuh. Nur weil sie aus der Stadt kommt, meint sie, sie sei besser als wir.» Darum redeten auch sie nicht mehr mit mir. Ich erzählte natürlich nichts von dem Kuss. Auch meiner Grossmutter sagte ich nichts davon. Sie fragte zwar: «Warum bist du so traurig? Und warum willst du immer alleine in den Kindergarten gehen?» Aber ich sagte nichts und dachte: «Es nützt ja doch nichts, etwas zu sagen. Grossmutter erzählt sonst nur wieder vom lieben Gott, der weiss, warum wir es manchmal schwer haben.» Das wollte ich nicht hören. Heute bin ich sicher, dass sie das nicht gesagt hätte. Sie war zwar sehr religiös. Aber sie war auch eine liebe Frau mit einem gesunden Menschenverstand [20]. Ich vermisse sie oft.

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Wahrscheinlich haben Sie ja auch einen solchen Ort aus Ihrer Kindheit. Einen Ort voller Erinnerungen, den Sie vielleicht schon lange nicht mehr gesehen haben. Möchten Sie uns davon erzählen?

Jetzt freue ich mich sehr, wenn Sie bei Instagram unter #PodClubAndrea und #andreaerzaehlt vorbeischauen. Die nächste Sendung wird wegen Ostern ausnahmsweise schon am 13. April stattfinden. Es wäre schön, wenn Sie auch dann auf podclub.ch oder über unsere App mit dem Vokabeltrainer mit dabei sind, wenn es heisst «Andrea erzählt». Dann werde ich Ihnen von «St. Gallen» erzählen.
Auf Wiederhören!

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