Die Ärztin und der Geburtstagskuchen

June 21st, 2019, Episode 22

Zukker im Leben (CH)

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Die Ärztin und der Geburtstagskuchen

Zukker im Leben (CH)

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,
Herzlich Willkommen zur Sendung „Zukker im Leben“ vom 21. Juni 2019. Ich musste zu einer Kontrolle ins Spital und da habe ich eine Ärztin getroffen, die sehr komisch war. In einem Film würde man sehr lachen, aber es war halt leider kein Film. Und dann erzähle ich Ihnen, wie ich versucht habe, einen Kuchen bei einer Bäckerei zu bestellen – das war hingegen [1] wie im Film.
Viel Vergnügen!

***

Plötzlich konnte ich nicht mehr richtig laufen. Also halt nicht mehr so gut, wie ich es schon wieder konnte nach dem Unfall. Ich bin gehumpelt [2] mit dem linken Fuss und wusste nicht, warum. Das hat mich sehr geärgert, weil ich so viel Energie brauche, um mich jeden Tag zu motivieren und zu trainieren. Und wenn mir Freunde sagen, ich soll Geduld haben, dann haben sie recht, aber manchmal ist es halt nicht so einfach. Jedenfalls habe ich im Spital angerufen und einen Termin bekommen.
Als ich ins Zimmer komme, sitzt dort nicht einer der Ärzte, den ich schon kenne, sondern eine neue Ärztin. Ich setze mich und ziehe meine Schuhe und Socken aus. Sie schaut nicht wirklich auf meine Füsse und fragt mich: „Haben Sie High Heels getragen und waren tanzen?“ Ich muss laut heraus lachen und sage zu ihr: „Nein, weil ich ja gar keine hohen Schuhe anziehen kann.“
Sie hat offensichtlich nicht einmal kurz einen Blick in meine Krankenakte [3] geworfen, weil dann wüsste sie, dass ich erst seit Kurzem überhaupt Turnschuhe tragen kann. Vorher musste ich die orthopädischen Massschuhe tragen. Die Ärztin bittet mich, barfuss [4] im Zimmer hin und her zu laufen. Das mache ich und hinke [5] natürlich immer noch. Sie schaut lange auf meine Füsse und sagt dann: „Warum stehen Sie denn nicht auf ihre rechte Ferse [6]?“ Ich werde wütend, lege mich auf die Liege [7] im Zimmer und halte ihr meine Füsse direkt ins Gesicht. Dann sagt sie völlig erstaunt [8]: „Oh, da haben Sie ja gar keine Ferse mehr.“ Ich werde ungehalten [9] und bitte sie, einen Kollegen zu holen. Es kommt ein Oberarzt dazu, bewegt mein linkes Fussgelenk und ich beisse mir vor Schmerz auf die Lippen. Er sagt: „Wir müssen die beiden Schrauben herausnehmen, die noch in ihrem Knöchel [10] sind.“ Ich schaue ihn an, wie eine Mutter, die ihre Kinder beschützen will und sage zu ihm: „Ich habe aber sehr grosse Angst!“ Ich weiss natürlich, dass alles Metall im Körper, auch wieder aus dem Körper raus muss. Und dass es mir dann sicher besser geht, weil die Schrauben nicht mehr stören.
Die Ärztin steht neben dem Oberarzt und sagt dann zu mir: „Es ist ein Wunder, dass Sie überhaupt noch laufen können.“ Der Oberarzt schaut die Ärztin an und sagt: „Aber von einem Wunder alleine, gehen die Schmerzen auch nicht weg.“ Ich lache sehr laut, damit ich nicht vor Wut weine. Als ich aus dem Spital laufe, denke ich mir, dass ich bis jetzt immer viel Glück hatte und nur Ärzte, die gut zu mir geschaut haben und wussten, wer ich bin und welche Verletzungen ich habe. Das war für mich sehr wichtig, dass ich allen Menschen vertraute, weil ich nichts anderes konnte, als zu vertrauen. Und deshalb hatte ich eigentlich nie Angst, weil ich wusste, dass ich bei den allerbesten Ärzten bin.
Neben mir an der Tramhaltestelle steht eine Frau mit sehr hohen High Heels. Ihr grosser Zeh ist vorne gar nicht mehr richtig im Schuh drin, weil die Schuhe zu klein und zu eng sind. Ich sage zu dieser Frau: „Ist das bequem [11]?“ Sie ist irritiert [12] und sagt: „Nein, aber es sieht sehr gut aus.“ Ich fahre nach Hause und denke, es gibt Tage im Leben, da muss man die Welt und die Menschen nicht verstehen und das ist völlig okay.

***

Sind Sie jemand, der selber Kuchen backt, oder eher jemand, der den Kuchen in einer Bäckerei kauft? Ich kann nicht besonders gut backen. Entweder wird der Kuchen zu trocken, oder er geht nicht richtig auf, weil ich mich nicht an die Vorgaben [13] der Rezepte halte. Wenn ich auf Geburtstagsfeste eingeladen werde, dann bringe ich immer etwas Salziges oder Getränke mit.
Aber jetzt war es so, dass ich unbedingt einen ganz speziellen Kuchen wollte. Am 17. und 18. Juni war mein neuer erster Geburtstag. Vor genau einem Jahr passierte am 17. Juni am Abend der Unfall und am 18. Juni früh am morgen bin ich aufgewacht und war noch am Leben. Ich habe beschlossen, dass ich diese zwei Tage feiere. Und an diesen Tagen auch nicht arbeite, sondern nur Sachen mache, auf die ich richtig Lust habe. Und dazu gehörte natürlich eine Geburtstagstorte.
Ich bin in die Stadt zwei Tage vor dem Geburtstag und habe mich in einer Bäckerei beraten [14] lassen.
Ein junger Mann nimmt sich viel Zeit und zeigt mir an seinem Laptop Beispiele von Torten, die besonders ausgefallen [15] sind. Er sagt zu mir: „Am besten verkaufen wir Hochzeitstorten mit einem Foto vom Brautpaar. Eines aus dem letzten Strandurlaub zum Beispiel.“ Ich sage, dass ich mir einen Kuchen schenken möchte, vielleicht nicht mit einem Foto drauf, eher eine schön verzierte [16] Schokoladentorte. Er hört mir nicht zu und sagt dann ganz stolz: „Wir machen auch Fototorten für Firmen. Die VBZ bestellt immer wieder bei uns.“
Er zeigt mir ein Foto einer Torte mit einem Tram, das aus Kuchenteig gemacht wurde und darauf ein Foto von Tramfahrern, die lächeln. Ich kann nicht anders und sage: „Nein, das ist nicht mein Stil. Ich wurde eben von einem Bus überfahren und habe jetzt ein komisches Verhältnis zu Fahrzeugen.“ Er wird still und sagt, dass es ihm sehr leid tut. Ich sage ihm: „Keine Sorge, das hätte ich Ihnen nicht sagen sollen, es geht mir wieder ganz gut. Aber haben Sie vielleicht einfach eine klassische Schokoladentorte mit Verzierung?“
Er sagt: „Das ist ein Klassiker, das können wir jederzeit machen. Aber was halten Sie davon, wenn Sie mir verschiedene Fotos schicken, von Ihnen im Spital und wie Sie wieder auf die Beine gekommen sind und dann können wir eine Fotostory drucken mit unserer Lebensmittelfarbe [17]?“ Ich lache und sage: „Gerne einfach die klassische Schokoladentorte mit Verzierung.“ Als ich aus der Bäckerei gehe, denke ich, wie es aussehen würde, wenn man die Torte in Form von Rückenmuskeln formen [18] würde. Dann hätte ich genug Kuchen für mich alleine, weil keiner meiner Freunde davon ein Stück essen würde, auch wenn es feine Erdbeerfüllung wäre, was farblich sehr authentisch [19] aussehen würde.
Drei Tage später hole ich die Torte ab und darauf steckt ein Lichtsignal [20] aus Plastik. Der junge Mann grinst [21] mich an und sagt: „Ich habe mir ein kleines entscheidendes Details erlaubt, ich bin gerne kreativ.“ Und ich denke, ich muss gut aufpassen, wem ich meine Unfallgeschichte erzähle.

***

Ich freue mich sehr, wenn ich Ihnen am 5. Juli, dann wieder auf Hochdeutsch, auf podclub.ch und in der App aus meinem Leben erzählen darf. Dann erzähle ich Ihnen, wohin ich mit Anna einen Ausflug gemacht habe und was wieder schief gegangen ist.
Schauen Sie doch bei Instagram vorbei und üben Sie mit dem Vokabeltrainer in unserer App. Auf Wiederhören!

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