Die Frau auf dem Flohmarkt und der Mann in der Bahnhofshalle

March 29th, 2019, Episode 19

Zukker im Leben (CH)

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Die Frau auf dem Flohmarkt und der Mann in der Bahnhofshalle

Zukker im Leben (CH)

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,
Herzlich Willkommen zur Sendung „Zukker im Leben“ vom 29. März 2019. Letzte Woche war ich auf dem Flohmarkt [1]. Dort habe ich eine Frau kennengelernt, die mir einen Tisch verkaufen wollte. Warum ich diesen Tisch nicht gekauft habe, erfahren Sie heute. Dieses Wochenende war ich in Deutschland. Es war wunderbar, nur die Reise zurück war sehr aufregend [2]. Warum? Das erzähle ich Ihnen ebenfalls heute.
Viel Vergnügen!

***

Im Moment ist es ja schon fast Frühling und mutige Menschen gehen jetzt schon auf den Flohmarkt. Sie stehen sehr früh auf, um dann um 8 Uhr mit allen Sachen, die sie nicht mehr wollen, auf dem Areal der Kanzlei am Zürcher Helvetiaplatz zu stehen. Ich wohne ganz nahe vom Helvetiaplatz und weil das Wetter so schön war, habe ich einen Spaziergang gemacht und bin über den Flohmarkt gelaufen. Es gibt ja sehr viel Ramsch [3], Dinge die man wirklich nicht braucht. Ich kaufe doch keine gebrauchten Tupperware auf dem Flohmarkt. Ich will auch keine gebrauchten [4] Küchengeräte, die nicht mehr ganz funktionieren. Zwischen all den Dingen, die man nicht braucht, kann man Dinge entdecken, die es eben nur auf dem Flohmarkt gibt. Zum Beispiel habe ich mir vier Weingläser gekauft. Für jedes Glas habe ich nur zwei Franken bezahlt. Ich will eigentlich grade wieder nach Hause, als ich an einem Tisch vorbei laufe. Ein Küchentisch mit einer roten Tischplatte. Plötzlich sehe ich, dass jemand mit einem Messer Namen in die Tischplatte geritzt [5] hat, die mit einem schwarzen Filzstift wieder durchgestrichen wurden. Tom, Stefan, Luca. Tom? Stefan? Luca? Lustig, das sind ja alles Männernamen, die irgendwann wichtig waren in meinem Leben. Um Himmels Willen! Das dauerte jetzt sehr lange. Das ist ja mein alter Küchentisch, den Anna für mich auf den Flohmarkt brachte, als ich im Krankenhaus war und meine Freunde meine alte Wohnung aufgelöst [6] haben. Anna hat mir dann einen kleineren Tisch gekauft, weil meine neue Küche kleiner ist, als in der Wohnung vorher. Ja, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, ich habe dann immer abends in der Küche gesessen, wenn wieder ein Mann nichts für mich war und wie ein Teenager bei einer Flasche Wein die Namen in die Tischplatte geritzt. Und danach melodramatisch [7] mit einem schwarzen Filzstift wieder durchgestrichen. Bevor ich mit rotem Kopf, weil es mir doch etwas peinlich ist, weggehen kann, spricht mich die Frau an, die mir meinen Küchentisch verkaufen will: „Hast du Interesse an diesem Tisch?“ ich lache und sage: „Nein danke. Ich habe schon einen Küchentisch.“
Ich verrate [8] lieber nichts. Die Frau sagt: „Ich bin nicht abergläubisch [9], aber ich muss ihn loswerden [10]. Dieser Tisch bringt mir nur Unglück, ich bin Single und suche dringend eine Beziehung.“ Ihr Gesichtsausdruck ist sehr angespannt, sie ist wohl verzweifelt auf der Suche nach einem Mann. Bevor ich etwas sagen kann, redet sie weiter: „Ich weiss ja nicht, wem der Tisch vorher gehört hat, aber das muss eine sehr verzweifelte Person gewesen sein. Ich habe dann eben einen Tick [11] entwickelt. Ich habe kategorisch [12] Männer auf Tinder [13] nicht zurück geschrieben, die Tom, Stefan oder Luca heissen. Aber das geht jetzt nicht mehr. Ich bin schon 38 und will noch Kinder und da kann ich meine Auswahl nicht wegen Namen einschränken [14].“
Ich muss da sofort weg. Das ist mir alles zu abgefahren [15]. Ich verabschiede mich und wünsche ihr so viel Glück, als müsste ich ein schlechtes Gewissen beruhigen. Als würde mein alter Küchentisch für das Glück einer fremden Frau verantwortlich sein.

***

Am Sonntagabend bin ich aus Heidelberg zurückgekommen. Das ist eine sehr hübsche Stadt in Deutschland. Dort habe ich übers Wochenende einen Freund von mir besucht. Wir haben es uns gemütlich gemacht. In hübschen Kaffees haben wir Kuchen gegessen, sind auf das Schloss Heidelberg gelaufen, das waren 100 Höhenmeter und als ich oben angekommen bin, habe ich kurz geweint, dass ich das mit meinen Füssen geschafft habe. Und ich habe jeden Tag unglaublich lange ausgeschlafen, so wie man das in kurzen Ferien eben machen kann. Es war ganz wunderbar. Am Sonntag musste ich dann wieder zurück nach Zürich. Mit der S-Bahn bin ich von Heidelberg nach Karlsruhe gefahren und von dort wäre dann zehn Minuten später der ICE [16] nach Zürich gefahren. Um zehn Uhr wäre ich in Zürich gewesen. Wäre, wäre… genau. Als ich zum Gleis kam, wo der ICE hätte fahren sollen, stand an der Anzeigetafel [17], dass er 60 Minuten Verspätung hat. Das ist für den Bahnverkehr der Deutschen Bahn nicht ungewöhnlich [18]. Wenn die deutschen Züge pünktlich sind, dann ist es eigentlich ungewöhnlich.
Als ich in die Bahnhofshalle von Karlsruhe laufe, steht auf der Anzeigetafel, dass der Zug jetzt schon 90 Minuten Verspätung hat. Ich bin froh, dass ich im Starbucks noch einen Kaffee trinken kann. Das WLAN ist gratis und ich kann mir die Zeit vertreiben [19]. Dann setzt sich ein Mann auf den Sessel gegenüber von mir und stellt seine Bierflasche auf den Tisch. Ohne dass ich ihn anschaue, beginnt er zu reden: „Weisst du, ich bin Alkoholiker.“ Ich schaue ihn an und sage: „Ja das ist nicht so gut. Soll ich dir einen Tee bestellen?“ Natürlich will er keinen Tee. Mit sehr lieben, aber traurigen Augen schaut er mich an: „Ich habe einmal mit Gott geredet. Ich habe ihn gefragt, Gott, du bist doch Jude. Warum hast du dein Volk umgebracht?“ Ich lege mein Handy weg und denke, jetzt geht’s aber los. Was sagt man dazu? Ich wusste es auch nicht. Also habe ich gefragt: „Wo hast du denn mit Gott geredet?“ Er strahlt [20] mich an und sagt: „Ach, das war so bei 4 Promille [21].“ Ich kann nicht anders, als sehr laut zu lachen und dann verabschiede ich mich und setze mich noch in ein anderes Kaffee mit WLAN, bis der ICE endlich fährt.
Völlig erschöpft komme ich kurz vor Mitternacht in Zürich an. Als wäre das noch nicht genug, bin ich dann so schnell ich konnte durch den Hauptbahnhof gelaufen und konnte dem Bus winken [22], der drei Minuten zu früh abgefahren ist. Ich bin hoch zur Tramstation, auch das Tram ist zwei Minuten zu früh abgefahren. Also musste ich nochmals 12 Minuten warten. Zu spät, zu früh – einfach pünktlich wäre doch nicht zu viel verlangt, liebe Deutsche Bahn und liebe VBZ.

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Ich freue mich sehr, wenn ich Ihnen am 12. April, dann wieder auf Hochdeutsch, auf podclub.ch und in der App wieder aus meinem Leben erzählen darf. Dann werde ich Ihnen erzählen, wie es bei mir so läuft in meinem Büro, wo ich neu ja arbeite. Und so viel kann ich schon verraten, es ist immer noch unglaublich chaotisch.
Schauen Sie doch bei Instagram vorbei. Und üben Sie mit dem Vokabeltrainer in unserer App. Auf Wiederhören!

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