Unverheiratete Frauen in Ägypten, Velofahrer auf dem Üetliberg

September 28th, 2018, Episode 13

Zukker im Leben (CH)

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Unverheiratete Frauen in Ägypten, Velofahrer auf dem Üetliberg

Zukker im Leben (CH)

Guten Tag, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, heute ist der 28. September, herzlich willkommen zur Sendung “Typisch Helene”. Fast hätte ich Sie jetzt wieder so begrüsst: “nuqneH”! Das bedeutet ja “Hallo! oder eben: “Was willst du?” auf Klingonisch, die Sprache des ausserirdischen Kriegervolks im Star Trek-Universum. Noch immer schwingt das Interview mit unserem Klingonisch-Lehrer André Müller, das wir für die letzte Sendung aufgenommen haben, in meinem Kopf mit [1]. Es war einfach super! Aber – für heute entlassen wir die Klingonen wieder in ihren Weltraum und beschäftigen uns mit ganz irdischen [2] Themen. Zuerst berichte ich Ihnen von meiner Reportage in Ägypten. Dort habe ich recherchiert, warum es immer mehr unverheiratete Frauen gibt. Danach erzähle ich Ihnen, wie mich Velofahrer beim Wandern in Angst und Schrecken versetzten [3].


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Ich bin im April für eine Reportage nach Ägypten gereist. Ich weiss, April ist nun schon einige Monate her und die Reportage wurde bereits im Juli publiziert. Aber für mich ist eine Geschichte [4] nicht abgeschlossen [5], nur weil sie schon erschienen ist. Im Gegenteil, oft kommen Reaktionen auf einen Beitrag noch Wochen oder Monate danach. Und das ist auch bei dieser Geschichte der Fall. Sie geht nämlich der Frage nach, warum es in Ägypten immer mehr unverheiratete Frauen gibt, die älter sind als 28, und warum sie von konservativen Politikern als eine Bedrohung für die nationale Sicherheit betrachtet werden. Ich hatte vor zwei Jahren in einer ägyptischen Onlinezeitung darüber gelesen, und seither hat es mir keine Ruhe gelassen [6].

Ich war schon sehr oft in Kairo und kenne die Stadt gut. Trotzdem habe ich jedes Mal wieder das Gefühl, dass ich in einem Dschungel gelandet bin, wenn ich dort ankomme. Kairo ist eine 20-Millionen-Stadt, sie ist staubig, laut und chaotisch, und es gibt extrem viel Verkehr. Wenn man Pech hat und im Stau stecken bleibt, dauert es oft Stunden, bis man ans Ziel kommt. Deshalb fahre ich in Kairo viel lieber Metro als Taxi. Das ist nicht nur schneller, sondern auch lustiger, weil ich während der Fahrten vielen Frauen begegne. Denn in der Metro hat es für Frauen und Männer getrennte Wagen. Die Trennung ist zwar nicht so strikt, also, nicht so strikt für Frauen. Frauen, die mit ihren Ehemännern unterwegs sind, oder auch Touristinnen dürfen ins Männerabteil. Wenn sich aber ein Mann ins Frauenabteil verirrt – ouu – dann wird er mit ganz bösen Blicken verscheucht [7].

Zu meiner Überraschung war es nicht sehr schwierig, Frauen zu finden, die bereit waren, mit mir darüber zu reden, warum sie nicht verheiratet sind. Natürlich hatte ich schon von der Schweiz aus einige Kontakte geknüpft [8], denn ich habe viele Freundinnen in Ägypten, und ich wollte vor Ort nicht bei null anfangen [9]. Danach war es wie ein Domino-Effekt: Eine Frau vermittelte mich an die nächste.

Verheiratet zu sein ist für ägyptische Frauen noch immer die Norm. Nur eine verheiratete Frau wird von der Gesellschaft anerkannt und darf sexuell aktiv sein – mit ihrem Ehemann, natürlich. Wer älter ist als 28 und noch nicht verheiratet ist, wird zur Aussenseiterin [10], oft gilt sie sogar als eine schlechte Frau und wird stigmatisiert [11]. Trotzdem heiraten in Ägypten immer mehr Frauen immer später, viele heiraten gar nicht: 8 bis 12 Millionen Singlefrauen sollen es derzeit in Ägypten sein, bei einer Gesamtbevölkerung von 104 Millionen sind das schon noch beachtliche [12] Zahlen.

Warum Frauen mit Heiraten warten, hat verschiedene Gründe. Ein Grund ist naheliegend [13]: Viele Frauen haben eine super Ausbildung und haben dann natürlich auch hohe Ansprüche an einen Mann. Sie wollen nicht einfach einen Mann, sondern DEN Mann und das ist ja bei uns auch nicht anders. Das heisst, sie wollen einen Mann, der ebenso gut gebildet ist, wie sie selbst, der offen ist und tolerant, und das bedeutet ganz besonderes unter anderem, dass er ihnen nicht verbietet zu arbeiten, wenn sie verheiratet sind. Und DEN Mann zu finden, ist nicht ganz einfach.
Dann gibt es Frauen, die einfach kein Interesse an der Ehe haben, weil sie ihre individuelle Freiheit bewahren [14] wollen. Und damit wären wir beim dritten Grund, und der offenbart [15] eine Misere: Viele Männer können sich eine Hochzeit nämlich nicht leisten. Denn in Ägypten kennt man noch die Tradition der Mitgift [16], und die ist Pflicht. Man nennt sie «das Paket». Der zukünftige Ehemann muss zwei Drittel der Hochzeitskosten übernehmen. Das heisst, er muss nicht nur das Hochzeitsfest bezahlen, sondern auch die Wohnung, die elektronischen Geräte und den Goldschmuck der Braut. Dreieinhalb Jahre müssen Männer in der Regel sparen, um die Hochzeit finanzieren zu können – falls sie überhaupt einen Job haben; in Ägypten sind 33 Prozent der Jugendlichen arbeitslos. Aus diesem Grund gibt es jetzt sogar Heiratsdarlehen [17] für Männer. Denn das gesellschaftliche Credo lautet: «Erst wenn er eine Wohnung und ein Auto bieten kann, ist er auch ein Ehemann. Liebe allein baut kein Zuhause.»
Warum jetzt aber Singlefrauen in Ägypten als Problem für die nationale Sicherheit gelten und was Frauen deshalb erdulden [18] müssen, davon erzähle ich Ihnen in der nächsten Sendung.

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Und jetzt, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, fliegen wir von Ägypten in die Schweiz zurück und kommen zu einem ganz anderen Thema. Ich möchte nämlich unbedingt meinen Stress mit den Velofahrern beim Wandern loswerden. Also, am letzten Sonntag war ich mit einem Freund auf dem Uetliberg. Vielleicht haben Sie schon vom Uetliberg gehört: Er ist der Hausberg von Zürich, 870 Meter hoch, ein beliebtes Naherholungsgebiet [19]. Es ist so beliebt, dass an schönen Tagen halb Zürich dort oben spazieren oder eben, wandern geht. So war es auch, als wir auf dem Uetliberg ankamen. Aber okay, damit hatte ich gerechnet [20]. Ich ass ein Sandwich, nahm einen Schluck Wasser, dann gingen wir los. Wir gingen rasch, mit grossen Schritten, um die Masse der Wanderer zu überholen. Wir gingen an Eltern vorbei, die ihre Kinder in gigantischen Rucksäcken auf dem Rücken trugen, an verliebten Pärchen und an Menschen mit Hunden. Und plötzlich – wrrummmm – rasten wie aus dem Nichts zwei Biker an uns vorbei. In ihren Helmen sahen sie aus wie Rieseninsekten. Ich sprang zur Seite und schimpfte lauft. Meine Nerven! Ein paar Minuten später kam eine weitere Gruppe: Wrrummmm. Diesmal waren es drei Männer auf ihren Velos. Sie schienen sehr ehrgeizig, wahrscheinlich weil sie ihren eigenen Rekord schlagen oder schnell in die nächste Beiz [21] wollten. Ihre Helme hingen an der Lenkstange, was für mich ein Zeichen war, dass sie wohl nicht mehr lange auf dem Velo bleiben wollten. «Passt doch auf, ihr Sonntagsfahrer!», schrie ich ihnen hinterher. Und kaum hatte ich mich wieder etwas beruhigt, kamen die nächsten. Immerhin bremsten sie rechtzeitig ab, so dass wir genug Zeit hatten, um an den Wegrand auszuweichen. Aber die Wanderung wurde zum Dauerstress. In den vergangenen Jahren ist es auf dem Uetliberg immer wieder zu Streit zwischen Spaziergängern und Bikern gekommen. Daher hat die Stadt Zürich entschieden, zwei offizielle Biketrails zu bauen. Damit sollen Spaziergänger auf den Waldwegen geschont und der Bau illegaler Strecken verhindert werden.

Dies hat bislang eigentlich recht gut geklappt [22] – bis ich auftauchte. Aber wer weiss, vielleicht haben sich die Biker ja auch über mich geärgert. Wie dem auch sei: Geärgert hat es mich trotzdem. Der einzige Trost war, dass ich Ihnen davon würde erzählen können. Denn alles, worüber ich mich ärgere, kann zu einer Geschichte werden.

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Ja, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, das war‘s schon wieder für heute. Ich wünsche Ihnen eine schöne Zeit – und halten Sie ein Auge auf die Velofahrer, wenn Sie wandern gehen. Wir hören uns wieder am 12. Oktober, hier auf podclub.ch oder via App. Üben Sie bis dahin mit dem Vokabeltrainer in unserer App. Fotos zur Sendung finden Sie wie immer auf Instagram unter #zukkerimleben und #podclubnora. Also dann, bis bald. Auf Wiederhören!

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