Viznau

May 29th, 2017, Episode 51

Andrea erzählt (CH-D)

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Viznau

Andrea erzählt (CH-D)

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur Sendung «Andrea erzählt» vom 29. Mai 2017. Es freut mich sehr, sind Sie wieder mit dabei. Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht. Aber ich freue mich schon jetzt auf die Sommerferien. Leider dauert es noch ein paar Wochen bis dahin [1]. Da bin ich froh, dass ich in der Schweiz lebe. Sie ist klein und hat doch ganz viele unterschiedliche [2] Landschaften. So kann man schon in ein oder zwei Stunden in eine ganz andere Gegend [3] fahren. Das gibt mir das Gefühl, Mini-Ferien zu machen. Ein sehr schöner Ort dafür ist zum Beispiel Viznau. Das ist ein kleines Dorf am Vierwaldstättersee. Gerne erzähle ich Ihnen heute davon.
Nun wünsche ich Ihnen viel Vergnügen!

***

Manchmal finde ich unsere Wohnung zu eng [4]. Das ist natürlich dumm. Sie ist nämlich gross und schön. Aber trotzdem muss immer mal wieder einfach etwas anderes sehen. Leider habe ich weder Zeit noch Geld, um ständig in die Ferien zu fahren. Aber ab und zu [5] fahren wir für einen oder zwei Tage weg. Vor ein paar Wochen sagte mein Mann zu mir: «Ich sage dir nicht, wo wir hingehen. Aber du musst Turnschuhe einpacken, eine gute Jacke, ein schönes Kleid, schicke [6] Schuhe und ein Nachthemd [7]. Mehr sage ich dir nicht.» Ich war ganz aufgeregt. Ich liebe Überraschungen!

Am nächsten Morgen stiegen wir in den Zug nach Brunnen im Kanton Schwyz. Das ist in der so genannten Innerschweiz. Als wir ankamen, dachte ich zuerst: «Hoffentlich muss ich nicht auf einen Berg hinauf wandern.» Ich wandere nämlich nicht so gern. Ich spaziere viel lieber.

Deshalb sagte ich: «Ich habe nur Turnschuhe eingepackt. Damit kann man nicht gut wandern. Das weisst du schon, oder?» Mein Mann lachte mich nur aus [8]. Er kennt mich sehr gut und würde nie mit mir wandern gehen, ohne mich vorher zu fragen.

In Brunnen stiegen wir auf ein Schiff. Ich war so glücklich. Sobald ich auf einem Schiff bin, ist es für mich wie Ferien. Wir assen unsere Sandwiches und sprachen über alles, was wir sahen. Zum Beispiel die Schiffstation «Treib». Sie sieht aus wie auf einer alten Postkarte. Ich sagte: «In den nächsten Mini-Ferien fahren wir hier her.»

Neben uns sass ein Vater mit seinen zwei Söhnen. Er redete sehr laut und erklärte seinen Kindern: «Die Bahn von Treib ist etwas ganz Besonderes. Sie ist sehr alt.» Dann sprachen sie über die Technik der Bahn. Die beiden Jungen sahen sehr interessiert aus.
Und ich dachte: «Es ist spannend, wie jeder auf einer Reise ganz andere Dinge sieht.»

Wir fuhren bis nach Viznau. Dort sagte mein Mann: «Siehst du das teure, schöne Hotel dort drüben?» Er zeigte auf das berühmte Hotel Viznauerhof. Es sieht aus wie ein kleines Schloss am See. Ich sah ihn an und sagte: «Aber du weisst doch, dass das viel zu teuer ist für uns!» Er sagte nur: «Ja, deshalb gehen wir eben nicht dorthin.» Dann lachte er. Natürlich war ich nun doch ein bisschen traurig. Auch wenn dieses Hotel wirklich zu teuer für uns gewesen wäre.

Aber auch unser Hotel war sehr schön. Es war gleich neben dem Schiffsteg [9]. Lustigerweise stieg auch der laute Mann mit seinen Söhnen mit uns aus. In Viznau gibt es nämlich auch eine berühmte Bahn. Ihr Bahnhof war gleich neben unserem Hotel. Der Mann erzählte seinen Kindern so viel und so laut über die Technik dieser Bahn, dass wir ihn sogar noch vom Balkon des Hotelzimmers hören konnten.

***

Unser Hotel war fast leer. Das Wetter war noch zu kühl [10] für Feriengäste. Aber es war sehr hübsch — und alles darin erinnerte an die Zeit, als die ersten Touristen in die Schweiz kamen. Damals konnten nur reiche Menschen reisen. Sie blieben meistens ein paar Wochen oder sogar Monate.

Im Hotel gab es auch einen schönen alten Speisesaal [11]. Er war aber noch geschlossen. Der alte Holzboden wurde gerade geputzt.
Die Frau an der Rezeption [12] gab uns ein Körbchen [13] und sagte: «Hier drin sind drei Schlüssel. Weil wir noch fast keine Gäste haben, dürfen Sie sich ein Zimmer aussuchen.» Das war spannend! Denn jedes gefiel uns und wir mussten lange überlegen. Zum Schluss nahmen wir das kleinste. Es hatte einen Balkon in der Zimmerecke. Und das Bett stand so, dass man durch die Balkontüre den See und das andere Ufer sah.

Wir gingen also an die Rezeption zurück und sagten: «Wir nehmen das kleine im zweiten Stock.» Die Frau schaute verwirrt [14] und sagte: «Ach so. Das hätte ich nicht gedacht. Ich war ganz sicher, dass Sie das grösste nehmen würden. Ich habe deshalb schon das ganze Anmelde-Formular [15] für Sie ausgefüllt. Jetzt muss ich alles ändern.» Es störte sie fast ein bisschen, dass wir ein anderes Zimmer ausgesucht hatten. Aber wir nahmen trotzdem das kleine Zimmer. Weil sein Balkon so schön war, sassen wir den ganzen Nachmittag dort draussen. Wir beobachteten die Schiffe und die Menschen und waren einfach glücklich.

Am Abend gingen wir ins Restaurant des Hotels hinunter. Wir waren ganz allein dort.
Die Frau von der Rezeption arbeitete jetzt hier. Sie sagte: «Wissen Sie, wenn Sie fertig gegessen haben, kann ich endlich nach Hause und fernsehen.» Das fand ich etwas unhöflich [16], auch wenn ich sie verstehen konnte. Mein Mann und ich beschlossen, trotzdem ganz in Ruhe zu essen. Das Essen war nämlich sehr gut. Wir redeten und erzählten uns Geschichten. Dabei brauchte ich wie immer meine Hände — und stiess das Weinglas um [17]. Ich rief: «Oh, das tut mir schrecklich leid! Bitte entschuldigen Sie.» Es nützte nichts. Die Frau war jetzt wirklich genervt [18]. Und ich langsam auch. Schliesslich waren wir Gäste und gaben uns Mühe, nett zu sein.

Kurz bevor wir fertig waren, kam noch ein anderes Paar und wollte essen. Ich gebe zu: Wir freuten uns ein bisschen, dass die unfreundliche Frau nun doch nicht fernsehen konnte.

***

Am nächsten Tag überlegten wir lange, was wir tun wollten. Am Vierwaldstättersee gibt es so viele schöne Dinge zu tun. Mein Mann sagte: «Am besten fahren wir mit der Bahn auf die Rigi [19].» Man fährt etwa eine halbe Stunde von Viznau aus und die Aussicht dort oben ist fantastisch. Ich habe gelesen, dass sich früher viele Reiche dort hinauftragen liessen! Aber die Frau vom Hotel sagte: «Es ist schon sehr schön. Da haben Sie Recht. Aber am Sonntag sind viel zu viele Leute dort oben. Am besten steigen Sie in der Mitte aus, bei der Haltestelle Kaltbad. Dort können Sie auch einen schönen Spaziergang machen. Und es hat viel weniger Leute.» Das war wirklich nett von ihr. Jetzt tat es uns doch fast leid, dass sie ihren Fernsehabend nicht bekommen hatte.

Wir stiegen also in die Bahn und fuhren bis zur Haltestelle «Kaltbad». Hier gibt es ein Thermalbad, aber bei diesem schönen Wetter wollten wir lieber draussen bleiben.

Kaum spazierten wir los, sah ich einen Mann mit Bart. Ich sagte zu meinem Mann: «Schau mal, der sieht ja aus wie Andreas.» Das ist ein guter Freund von uns aus Zürich. Mein Mann sagte: «Ja, aber der Mann hier ist am Joggen. Das passt nicht zu Andreas.» Plötzlich rief jemand laut: «Hallo! Was macht ihr denn hier?» Es war tatsächlich Andreas aus Zürich! Wir freuten uns sehr und ich sagte: «Cool! Ich wusste gar nicht, dass du Sport machst!» Eigentlich meinte ich das freundlich. Aber am Abend fand ich dann auf Facebook ein Foto von Andreas. Darauf sah man seine Turnschuhe und den Vierwaldstättersee. Darunter stand: «Da fährt man heimlich auf die Rigi. Und was trifft man? Freunde, die fragen: Was? DU machst Sport?» Sorry, lieber Andreas! Ich bin wirklich sehr beeindruckt [20] von dir – und ein bisschen neidisch. Denn ich schaffe es nie, Sport zu machen.

Wir haben übrigens noch weitere Freunde angetroffen an jenem Sonntag. Wenn Sie also allein Mini-Ferien machen wollen: Gehen Sie dafür auf keinen Fall [21] auf die wunderschöne Rigi!

***

So, jetzt freue ich mich sehr, wenn Sie bei Instagram unter #PodClubAndrea und #andreaerzaehlt vorbeischauen und am 9. Juni wieder auf podclub.ch oder über unsere App mit dem Vokabeltrainer mit dabei sind, wenn es heisst «Andrea erzählt». Dann werde ich Ihnen von «Allschwil» erzählen.
Gute Zeit und auf Wiederhören!

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