Aschengrübel

April 28th, 2017, Episode 50

Andrea erzählt (CH-D)

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Aschengrübel

Andrea erzählt (CH-D)

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur Sendung «Andrea erzählt» vom 28. April 2017. Es freut mich sehr, sind Sie wieder mit dabei. Dies ist nämlich meine fünfzigste Sendung auf Schweizerdeutsch. Ich kann selbst fast nicht glauben, dass die Zeit so schnell vergangen ist.
Vielleicht erinnern sich ja einige von Ihnen noch daran: In meinen ersten Podcasts habe ich Ihnen Schweizer Märchen erzählt. Für den hundertsten Podcast durfte ich mir nun etwas wünschen. Und das habe ich mir ausgesucht [1]: Ich möchte Ihnen wieder einmal ein Märchen erzählen. Es ist das Märchen vom «Aschengrübel». Diese Geschichte kommt aus dem Entlebuch. Das ist eine Landschaft im Südwesten der Stadt Luzern. Ich freue mich sehr auf den heutigen Podcast – und hoffe, Ihnen geht es genauso.
Nun wünsche ich Ihnen viel Vergnügen!

***

Es war einmal ein schönes Mädchen. Es hiess Lisa und lebte in einem kleinen Dorf in den grünen Hügeln des Entlebuchs. Als Lisa 16 Jahre alt war, starben ihre Eltern an einer schweren Krankheit. Sie hatte nichts mehr als ihr altes Kleid und ein wunderschönes Fest-Kleid.

Der Pfarrer des Dorfes kam zu Lisa und sagte: «Du armes Mädchen. Es tut mir so leid. Ich weiss nicht, wie ich dir helfen kann. Es gibt zwar ein Testament [2]. Darin steht, was du erben [3] sollst. Aber leider weiss niemand, wo es ist. Deshalb musst du dir eine Arbeit suchen.»

Also packte Lisa ihr schönes Kleid und ging fort. Es war schwer, etwas zu finden. Doch endlich kam sie an ein grosses Haus und klopfte an die Türe. Eine reiche Frau öffnete ihr und Lisa sagte: «Guten Tag! Ich suche Arbeit und einen Ort zum Schlafen. Könnten Sie mir helfen?» Die reiche Frau schaute Lisa genau an und sagte dann unfreundlich: «Na gut. Du hast Glück. Du kannst die dreckige Arbeit in der Küche machen und unsere Tiere putzen und füttern [4]. Und du darfst in der Küche auf dem Boden schlafen.»

Die arme Lisa war froh und tat, was die Frau ihr gesagt hatte. Noch am gleichen Abend versteckte sie ihr Kleid unter einer Tanne [5] im Wald.

Weil sie nur dreckige Arbeit machte und deshalb immer schmutzig war, nannten alle Lisa bald nur noch das «Aschengrübel». Das heisst in etwa: «Das Mädchen, das in der Asche [6] wühlt [7].»

***

Nach ein paar Wochen hörte Lisa, dass im Dorf ein Tanz-Fest gefeiert wurde. Heinrich, der schöne Sohn der reichen Frau, ging auch hin. Da fragte Lisa die reiche Frau: «Bitte, liebe Herrin [8], darf ich auch zum Fest?» Die reiche Frau antwortete: «Ja. Aber du darfst mit niemandem tanzen!»

Lisa versprach es. Dann ging sie schnell zu der Tanne und holte ihr Kleid. Sie wusch sich an einem Bach und zog es an. Nun sah sie wieder wunderschön aus!

Als Lisa so ins Dorf kam, sah Heinrich sie sofort. Er merkte aber nicht, dass sie das Aschengrübel war. Er rief: «He, du! Schönes Mädchen! Ich habe dich noch nie hier gesehen! Ich will heute nur mit dir tanzen!» Aber Lisa sagte nein, wie sie es der reichen Frau versprochen hatte. Sie schaute nur zu, wie die anderen tanzten. Nach einer Stunde ging sie weg vom Fest und rannte schnell in den Wald. Dort versteckte sie ihr Kleid wieder unter der Tanne. Dann machte sie ihr Gesicht und ihre Arme wieder dreckig. Plötzlich kam ein altes Männchen [9] hinter der Tanne hervor und sagte: «Guten Abend, liebe Lisa!» Dann lächelte es und verschwand [10].

Von diesem Tag an konnte Heinrich an nichts anderes mehr denken, als an das Mädchen. Deshalb sagte er zu seiner Mutter: «Ich werde ein neues Fest im Dorf machen.» Er hoffte natürlich, dass das schöne Mädchen wieder kommen würde.

Auch dieses Mal durfte Lisa hingehen. Und auch dieses Mal musste sie der reichen Frau versprechen, dass sie nicht tanzen würde. Schnell ging sie zur Tanne und machte sich dort schön. Als Heinrich sie im Dorf sah, sagte er: «Schönes Mädchen, da bist du ja endlich! Ich habe schon auf dich gewartet. Bitte, bitte tanz heute mit mir.» Doch Lisa sagte wieder nein. Da probierte Henrich sie zu küssen und Lisa rannte schnell, schnell in den Wald zurück.
Bei der Tanne traf sie wieder das winzige [11] Männchen. Es war noch freundlicher als beim ersten Mal und sagte: «Guten Abend, du liebste Lisa und gute Nacht.» Dann war es weg.

Nun war der arme Heinrich so traurig, dass er nur noch an das schöne Mädchen aus dem Dorf denken konnte. Er ass nicht mehr und schlief kaum [12] noch. Als er es nicht mehr aushielt [13], machte er nochmals ein Fest im Dorf.

Auch Lisa ging wieder hin. Diesmal packte Heinrich schnell ihren Arm und sagte: «Schönes Mädchen, ich lass dich erst wieder los, wenn du mir versprichst, dass du mich heiratest.» Lisa schämte [14] sich sehr. Denn nun musste sie Heinrich ja sagen, dass sie das Aschengrübel war. Sie weinte und sagte: «Du kannst mich nicht heiraten. Ich bin das schmutzige Mädchen, das in deiner Küche schläft und den Dreck deiner Tiere putzt.»


Aber Heinrich antwortete: «Ach, das stört mich doch nicht! Ich werde dich trotzdem heiraten. Und dann musst du auch nicht mehr als Aschengrübel in unserer Küche leben.» Doch Lisa sagte: «Ich freue mich sehr, liebster Heinrich. Aber ich werde dich nur heiraten, wenn du bis zur Hochzeit niemandem sagst, wer ich bin. Erst dann dürfen deine Eltern erfahren [15], wer deine Braut [16] ist.» Heinrich sagte: «Wenn du das so willst, werden wir es so machen. Ich verrate [17] keinem, wen ich heirate.»

Lisa freute sich und rannte schnell in den Wald zur Tanne. Dort stand schon das Männchen und lächelte sie lange und freundlich an. Dann sagte es: «Gute Nacht, du liebste Lisa. Jetzt wird alles gut.» Dann verschwand es.

***

Am Hochzeitstag ging Lisa wieder zur Tanne. Sie wollte ihr Kleid holen. Dort stand schon das Männchen und schaute sie mit lieben Augen an: «Alles Gute zu deiner Hochzeit, liebste Lisa. Und hier hast du noch ein Hochzeitsgeschenk.» Es gab Lisa ein altes Buch. Darin lag das Testament ihrer Eltern! Lisa las es und konnte es fast nicht glauben. Denn im Testament stand: «Unsere Tochter Lisa erbt unser grosses Haus und das ganze Land, das dazu gehört.» Ab sofort war Lisa kein armes Mädchen mehr. Nein, sie war sogar richtig reich!

Lisa küsste das Männchen auf die Stirn und rannte mit dem Buch zu Heinrich und seinen Eltern. Sie zeigte ihnen das Testament und alle freuten sich sehr. Diese Braut passte zu ihrem Sohn! Noch am gleichen Tag feierten sie eine wunderbare Hochzeit und niemand nannte Lisa je wieder Aschengrübel.

***

Ich finde, das ist ein wirklich schönes Märchen. Es ist sehr ähnlich wie Aschenputtel. Nur gibt es im «Aschengrübel» keine böse Stiefmutter und keine böse Stiefschwestern. Und weil die Geschichte aus der Schweiz kommt, gibt es auch keinen Prinzen - sondern nur einen reichen Sohn. Was mich aber stört, ist etwas ganz anderes: Der reiche Heinrich kann Lisa eigentlich erst heiraten, als sie selbst auch reich ist. Natürlich wissen wir nicht, was seine Eltern sonst gesagt hätten. Aber ziemlich sicher wären sie nicht damit einverstanden gewesen, dass Heinrich ein armes Mädchen liebt. Und das ist in fast allen Märchen so: Menschen können nur Menschen heiraten, die aus derselben sozialen Schicht [18] kommen. Für viele ist es auch heute noch so. Das finde ich sehr schade. Und deshalb ist es so wichtig, dass alle Kinder dieselben Chancen bekommen. Alle sollen eine gute Schule besuchen dürfen - und sich ein gutes Leben aufbauen können.

Jetzt freue ich mich sehr, wenn Sie bei Instagram unter #PodClubAndrea und #andreaerzaehlt vorbeischauen und am 12. Mai wieder auf podclub.ch oder über unsere App mit dem Vokabeltrainer mit dabei sind, wenn es heisst «Andrea erzählt». Dann werde ich Ihnen von «Rapperswil» erzählen. Auf Wiederhören!

Glossar

1 Kommentare

Kommentare

Regina Urich - 27.01.2019

Sehr schöne Geschichte!

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