Thun

March 3rd, 2017, Episode 48

Andrea erzählt (CH-D)

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Thun

Andrea erzählt (CH-D)

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur Sendung «Andrea erzählt» vom 3. März 2017. Es freut mich sehr, sind Sie wieder mit dabei. Kennen Sie das? Sie hören als Kind ein Wort und verstehen es völlig falsch. Erst wenn man dann erwachsen ist, findet man heraus, was es wirklich heisst. So ging es mir mit «Thun». Gern erzähle ich Ihnen heute davon.
Viel Vergnügen!

***

Es gibt eine sehr hübsche Stadt im Kanton Bern. Sie heisst Thun. Und sie liegt am Thunersee. Als ich klein war, meinte ich immer, die Stadt heisse Thun wegen den Thunfischen [1]. Ich glaubte nämlich, dass der Thunersee voller Thunfische sei. Meine Grosseltern wohnten ziemlich nahe von dort. Einmal sagte meine Grossmutter zu mir: «Heute gehen wir an den Thunersee zum Baden. Freust du dich?» Ich war entsetzt [2]. Nein, natürlich wollte ich das nicht! Ich rief: «Aber das ist doch sehr gefährlich! Man kann nicht in einem See voller Thunfische baden. Sie sind gross und beissen.» Meine Grossmutter meinte, ich mache nur Witze [3]. Sie lachte daher und sagte: «Ach, du bist immer so fantasievoll. Und jetzt geh und hole deine Badehose. Wir fahren gleich los.»

Das war ein bisschen typisch für meine Grossmutter. Sie ist eigentlich meine Stief-Grossmutter [4]. Meine Grossvater hat sie geheiratet, nachdem meine richtige Grossmutter gestorben war. Ich hatte meine erste Grossmutter noch gekannt und sie sehr gern gehabt. Leider habe ich es deshalb nie ganz geschafft, meine neue Grossmutter so richtig zu akzeptieren. Ich habe es wirklich probiert. Aber ich konnte sie nicht so lieben, wie meine richtige Grossmutter. Ich fand sie aber interessant. Sie war elegant, schön, gebildet [5] und hatte einen guten Geschmack [6]. Zudem war sie ein sehr höflicher [7] Mensch. Aber wenn wir Sorgen hatten, wären wir damit nie zu ihr gegangen. Sie hat dann einfach nicht richtig zugehört oder gesagt: «Das ist nicht schlimm. Ihr müsst euch einfach mehr Mühe geben.»

Darum wusste ich: Es würde nichts nützen, ihr meine Angst nochmals zu erklären. Also brauchte ich einen Trick. Ich sagte ihr: «Ich habe plötzlich Bauchweh bekommen. Ich glaube, ich muss leider hierbleiben.» Meine Grossmutter schaute mich streng [8] an und sagte: «Dann bleibst du halt alleine hier. Alle anderen wollen an den Thunersee zum Baden. Es wäre nicht fair, wenn wir wegen dir hierbleiben.»

Der Nachmittag allein im Haus wurde viel schlimmer, ich als gedacht hatte. Das Haus meiner Grosseltern war nämlich sehr gross und aus viel Holz gebaut.
Wenn es still war, hörte man ständig ein Knacken [9] überall, weil sich das Holz ein bisschen bewegte. Ich hatte schrecklich Angst, dass ein Einbrecher [10] oder ein Geist da sein könnte. Ich dachte: «Das ist ja noch schlimmer, als ein See voller Thunfische.» Ich schloss mich den ganzen Nachmittag in meinem Zimmer ein. Dort wartete ich, bis die anderen endlich vom Thunersee zurück waren. Ich fragte sie: «Wie war es? Hatte es viele Thunfische?» Mein Bruder und mein Grossvater fragten: «Was für Thunfische?» Dann lachten sie mich aus [11]. Da wurde ich so wütend auf alle und vor allem auf mich selbst. Ich rannte die Treppe hoch und schloss mich auch noch für den Rest des Tages in mein Zimmer ein. Ich fühlte mich wirklich blöd. Bin ich froh, dass ich heute nicht mehr so impulsiv bin, wie damals!

***

Inzwischen weiss ich natürlich längst, dass Thun und Thunfische nichts miteinander zu tun haben. Aber ich ging trotzdem erst viele Jahre später dahin. Damals gab es eine grosse Ausstellung dort und mein Mann tanzte jeden Abend. Da unsere Kinder noch sehr klein waren, gingen wir alle zusammen hin. Wir reisten mit dem Wohnmobil [12] und lebten ein paar Wochen auf dem Zeltplatz [13] ausserhalb von Thun. Das war eine der verrücktesten Zeiten für uns als Familie.

Immer um 15 Uhr musste mein Mann nach Thun fahren, um zu tanzen. Dann war ich allein mit den Kleinen. Das war manchmal ziemlich schwierig. Unsere Kinder waren eineinhalb und drei Jahre alt und beide waren sehr abenteuerlustig [14]. Ich erinnere mich gut daran, wie kompliziert es zum Beispiel war, aufs WC zu gehen. Ich musste immer beide Kinder mit hineinnehmen. Sonst wären sie wegelaufen. Deshalb sagte ich an einem besonders warmen Tag: «Heute gehen wir mit Papa nach Thun. Wir werden auf einem Spielplatz am See auf ihn warten.» Das war keine gute Idee. Zuerst fiel mein Sohn von der Schaukel [15] und blutete. Ich sagte: «So, wir nehmen jetzt den Bus und gehen zum Zeltplatz zurück.» Doch die Kleinen weinten und riefen: «Bitte hierbleiben!» Also sagte ich «ja» und kaufte uns allen ein Eis. Ich dachte: «Die Kinder haben Recht. Es ist doch schön hier.»

Ich liess sie spielen und versuchte immer zu sehen, wo sie waren. Aber kaum wollte ich das Picknick bereit machen, war mein kleiner Sohn weg. Ich bekam Angst und rannte zum Wasser. Dort war er nicht. Da hörte ich eine Gruppe Teenager lachen. Ich ging hin. Mein Sohn war bei ihnen. Er hatte sich nackt ausgezogen und sass auf einem Holzpferdchen. Er hatte darauf gepinkelt [16] und schaukelte und lachte. Er fand es so toll, dass die Teenager sich freuten und klatschten. Ich hätte am liebsten geweint. Das war zu viel. Ich nahm die Kinder und fuhr mit ihnen zum Zeltplatz zurück. Das war gut.
Denn schon bald konnte man sehen, dass ein Gewitter kam.
Als ich wieder auf dem Zeltplatz war, ging es los: Es donnerte und blitzte. Dann kam ein Wind, der das ganze Wohnmobil schüttelte [17]. Die Kinder weinten. Ich nahm sie auf den Arm und rannte zum Haus hinunter. Dort wohnten die Besitzer des Zeltplatzes. Die Frau war sehr nett und wir durften im leeren Restaurant schlafen. Sie sagte: «Wenn ihr Mann zurückkommt, werde ich ihm sagen, wo Sie sind. Sonst erschrickt [18] er, wenn das Wohnmobil leer ist.» Heute hätte ich ihm einfach eine Sms geschickt. Sicher, die Zeit in Thun war manchmal anstrengend [19]. Aber wir erinnern uns sehr gern daran.

***

Vor zwei Monaten war ich wieder in Thun. Diesmal am Rand und nicht im schönen Teil am See. Aber dafür an einem wirklich tollen Ort: In der berühmten «Cafe Bar Mokka», kurz Kafi Mokka genannt. Hier gibt es seit dreissig Jahren sehr viele gute Konzerte. Der Besitzer Pädu Anliker war ein Mann mit langen Haaren, geschminkten Augen und extrem viel Energie. Jeder in Thun kannte ihn. Er hatte aus dem Kafi Mokka eine Wunderwelt gemacht. Alles ist voller bunter Lichter, Puppen, Plakaten ... ein magischer Ort.

Ich war eingeladen, für das 30-jährige Jubiläum Märchen für Erwachsene zu erzählen und freute mich sehr. Zehn Tage vorher bekam ich einen Anruf von der Managerin: «Pädu ist gestorben.» Wir konnten es alle nicht glauben! Aber ich verstand gut, dass wir den Auftritt nun nicht machen würden. Ein paar Tage später rief mich die Managerin nochmals an und sagte: «Wir machen den Abend trotzdem. Pädu hätte es so gewollt.»

Als wir dort ankamen, war das ganze Haus still. Alle redeten nur leise und weinten oft. Sie sagten: «Wenn Pädu noch hier wäre, wäre es jetzt laut und lustig. Wir wissen gar nicht, was wir ohne ihn tun sollen.» Auch das Publikum war sehr traurig und still. Ich fühlte mich komisch. Ich hatte Pädu nämlich nicht gekannt. Ich sagte zu meinem Mann: «Ich fühle mich wie bei einer Beerdigung [20], bei der ich den Toten nicht gekannt habe.» Ich gab mir also ganz besonders Mühe mit meinen Märchen – und machte einen sehr dummen Fehler: In Thun wird nämlich Berndeutsch gesprochen. Die Leute hier mögen die Zürcher nicht besonders. In meinen Geschichten sprechen alle Figuren einen anderen Dialekt. So kann man sie sich besser vorstellen [21].

Ich fing so an: «Es war einmal ein sehr, sehr blöder Mann....» Und dann habe ich diesen Mann gespielt – und ihn Berndeutsch sprechen lassen! Das Publikum war ganz ruhig, niemand lachte. Ich verstand das nicht. So etwas war mir noch nie passiert. Als mein Auftritt fertig war, fragte mich ein Zürcher Freund: «Hast du das absichtlich [22] gemacht, dass in deiner Gesichte der Blöde ein Berner war?» Oje! Wie dumm von mir! Und ich hatte es nicht einmal gemerkt.
In Zukunft werde ich besser darüber nachdenken, welche Dialekte meine Figuren bekommen – je nachdem, wo ich meine Geschichten erzähle. Trotzdem wurde es noch ein schöner Abend. Wir sassen lange zusammen und redeten über Pädu. Alle erzählten mir, was für ein aussergewöhnlicher Mensch er gewesen war. Am Schluss sagte die Managerin zu mir: «Wie schade, haben Pädu und du euch nicht kennengelernt. Ihr hättet euch wirklich gern gehabt.» Und so bin ich zum Schluss doch noch glücklich ins Hotel zurückgekehrt.

***

Die Erinnerung an diesen Abend macht mir immer wieder klar: Nichts ist für immer. Dinge, die für uns normal sind, können schon am nächsten Tag weg sein. Aber das macht mir meist keine Angst. Es erinnert mich einfach daran, dass ich alles geniessen [23] will, was heute ist.

Vielleicht haben Sie auch Lust, mal nach Thun zu fahren. Vergessen Sie nicht, ins Kafi Mokka zu gehen.

Jetzt freue ich mich sehr, wenn Sie bei Instagram unter #PodClubAndrea und #andreaerzaehlt vorbeischauen und am 17. März wieder auf podclub.ch oder über unsere App mit dem Vokabeltrainer mit dabei sind, wenn es heisst «Andrea erzählt». Dann werde ich Ihnen von «Oerlikon» erzählen.
Auf Wiederhören!

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