Schloss Chillon

February 3rd, 2017, Episode 47

Andrea erzählt (CH-D)

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Schloss Chillon

Andrea erzählt (CH-D)

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur Sendung «Andrea erzählt» vom 3. Februar 2017. Es freut mich sehr, sind Sie wieder mit dabei. Wenn Sie in Zürich leben, kennen Sie das sicher: Wochenlang ist der Himmel grau. Man vergisst, wie farbig und verzaubert die Welt sein kann. Darum möchte ich Ihnen heute
von einem zauberhaften [1] Ort erzählen: Vom Schloss Chillon im Westen der Schweiz.
Viel Vergnügen!

***

In der Schweiz gibt es kein Meer. Das fand ich schon immer schade. Als Kind und auch heute noch. Aber heute kann ich das Meer sehen, wann ich will. Oder wenigstens, wann immer ich Zeit und Geld für eine Reise habe. Als Kind habe ich es anders gemacht. Ich habe mir bei jedem grossen See gesagt: «Das könnte doch auch ein Meer sein. Vielleicht einfach eine kleine Ecke davon.»

So stellte ich mir mein Meer eben selbst vor [2]. Denn ich liebte Geschichten über das Meer. Es gab eine, die meine Mutter mir immer wieder erzählen musste. Das war die Geschichte von den zwei Königskindern [3]. Eigentlich ist es ein sehr altes Gedicht [4]. Aber meine Mutter hat es mir so erzählt: «Es waren zwei Königskinder, die hatten einander so lieb. Doch sie konnten sich nie treffen. Denn beide lebten in Schlössern, die im Wasser standen. Dazwischen war ein tiefes, dunkles Meer. Deshalb konnten die Prinzessin und der Prinz nie zusammenkommen. Da rief das Mädchen zu dem Jungen: „Ach, mein Liebster [5], wie schön wäre es, wenn du in der Nacht zu mir schwimmen könntest. Ich zünde [6] dir drei Kerzen an. So findest du den Weg.“ Der Prinz versprach [7], dass er in der nächsten Nacht heimlich zu ihr schwimmen würde. Beide freuten sich sehr. Doch eine böse Zauberin hatte das Mädchen gehört. Sie sagte: „Wenn niemand mich liebt, sollen auch die beiden keine Liebe haben.“ In der Nacht ging sie zum Fenster des Mädchens und löschte [8] die drei Kerzen aus. Der arme Prinz war jetzt ganz allein im dunklen Meer und sah nichts mehr. Er ertrank im schwarzen Wasser. Ein armer Fischer fand ihn am nächsten Tag. Er legte ihn an das Ufer beim Schloss der Prinzessin. Diese weinte sehr. Dann küsste sie ihren toten Prinzen und sagte: „Ach, wenn du nur wieder sprechen könntest, dann wäre mein Herz wieder gesund.“ Sie nahm die Krone des Prinzen und gab sie dem Fischer. Auch ihren Ring gab sie ihm und sagte: „Kauf damit Brot für deine Kinder.“ Als es Nacht wurde, sprang sie selbst ins Meer und rief: „Gute Nacht, lieber Vater, gute Nacht, liebe Mutter. Bitte seid nicht traurig, aber ohne meinen Prinzen kann ich nicht leben.“ Am nächsten Morgen fand man die tote Prinzessin am Ufer. Jetzt läuteten in beiden Schlössern die Glocken und alle sagten traurig: „Hier liegen zwei Königskinder. Im Leben konnten sie nicht zusammen sein. Und jetzt sind beide tot.“»

Dies ist eine der traurigsten Geschichten, die ich kenne.
Aber ich wollte sie trotzdem immer wieder hören. Ich stellte mir genau vor, wie die Schlösser halb im dunklen Wasser standen. Und wie die traurige Prinzessin an ihrem Fenster stand. Bis heute finde ich schwarzes Wasser traurig und unheimlich.
Ich machte viele Zeichnungen der Schlösser und wollte einmal ein solches Wasserschloss sehen.

***

Als ich etwa neun Jahre alt war, sagte mein Grossvater zu mir: «Ich werde dir heute ein wunderbares Schloss zeigen, das zu deiner Lieblingsgeschichte passt.»
Ich war ganz aufgeregt. Wir fuhren von Fribourg, wo mein Grossvater lebte, mit dem Auto nach Montreux. Das ist eine kleine Stadt am Genfersee, einem grossen See in der Westschweiz. In Montreux gibt es seit 1967 das weltberühmte Montreux Jazz Festival. Hier haben schon so viele grosse Musikerinnen und Musiker gespielt, dass man sie fast nicht mehr zählen kann. Aber als kleines Mädchen hat mich das natürlich nicht interessiert. Ich wollte nur mein Schloss sehen!

Und da war es endlich! Schon von der Strasse aus sah man es unten am Hügel im Wasser stehen. Es sah fast so aus, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich rief: «Oh, schau, es steht ja wirklich ganz im Wasser.» Mein Grossvater lächelte nur. Er sagte mir nicht, dass das Schloss Chillon eigentlich auf einer Insel steht. Das war auch nicht wichtig. Das Schloss ist gross und eindrücklich [9]. Seine ältesten Teile sind sogar über 1000 Jahre alt! Es ist so berühmt, dass der englische Dichter Lord Byron sogar ein Gedicht darüber geschrieben hat.

Wir gingen über die Holzbrücke über das Wasser zum Schloss hinüber. Es ist riesig! 25 Gebäude gehören dazu. Und anders als viele Schweizer Schlösser, ist es wirklich prächtig [10]. Es gibt Säle [11], bei denen man sich vorstellen kann, wie die Reichen und Mächtigen hier früher gegessen haben.

Von vielen Fenstern aus sieht man auf den See. Ich war glücklich und sagte zu meinem Grossvater: «Jetzt kann ich mir noch viel besser vorstellen, was die arme Prinzessin gesehen hat, wenn sie am Fenster wartete.» Und er sagte: «Weisst du, was deine arme Prinzessin den ganzen Tag lang getan hat?» Ich überlegte und sagte: «Na, sie hat halt einfach gewartet.» Darauf sagte mein Grossvater etwas, was mich bis heute begleitet: «Prinzessinnen konnten früher nicht viel tun. Es gab kaum Bücher und natürlich kein Fernsehen. In die Stadt fahren und einkaufen durften sie auch nicht. Und auch sonst gab es nicht viel, was sie tun durften. Darum haben die Prinzessinnen und ihre Freundinnen oft am Fenster gestickt [12]. Da gab es Licht. Sie machten grosse Bilder für an die Wände. Oft dauerte das viele Jahre.» Ich war völlig fasziniert und wusste: Von jetzt an würde ich Prinzessinnen zeichnen, die an einem Fenster sitzen und auf das Meer schauen und sticken. Und ich wollte selbst anfangen zu sticken.

Kaum waren wir wieder zurück im Haus meiner Grosseltern, musste mir meine Grossmutter zeigen, wie man stickt. Am Anfang war ich enttäuscht [13].
Ich wollte auch so schöne Bilder mit Königen und Tieren darauf machen, wie die Prinzessinnen. Aber das war schwierig. Ich schaffte [14] nur ein paar Sternchen [15].

Ich sticke auch heute noch. Und langsam kann ich es recht gut. Ich habe einen Trick herausgefunden: Man muss sich einfach vorstellen, dass man mit dem Faden zeichnet. Darum nehme ich ganz dünne Fäden. Mit ihnen kann man feine Zeichnungen mit vielen Farben sticken. Das Beste ist aber: Wenn etwas nicht gut ist, kann man einfach den Faden wieder herausziehen und so lange probieren, bis es stimmt. Meinen Freunden geht das manchmal auf die Nerven [16]. Sie rufen: «Aber nein, was tust du da? Du kannst doch nicht alles wieder kaputtmachen.» Mein Mann lacht dann und sagt: «Keine Angst, das ist völlig normal. Das macht sie immer. Solange, bis es ihr gefällt. Man gewöhnt [17] sich daran.»

Mein Traum ist es immer noch, einmal ein richtig grosses Bild zu sticken. Dafür habe ich zwei Vorbilder [18]. Die englische Künstlerin Tracey Emin und eine Stickerei im Landesmuseum Zürich. Emin hat ein riesiges weisses Bild gemacht, auf dem aus verschiedenen weissen Stoffen und Fäden ein Text steht. Und auch das Bild im Landesmuseum ist weiss auf weiss. Das gefällt mir sehr.

Ich würde bis heute gern einmal in einem richtigen Schloss an einem richtigen Meer am Fenster sitzen und so ein Bild zu sticken. Aber die traurige Liebesgeschichte der Königskinder gefällt mir nicht mehr so gut wie früher. Ich habe wohl zu viele unglückliche Beziehungen gesehen. Heute bin ich viel mehr fasziniert von Liebesgeschichten, die glücklich sind. Sie sind ja auch viel seltener und schöner als die traurigen.

***

Wenn Sie die schönen Stickereien im Landesmuseum besuchen wollen: Man findet sie im Erdgeschoss [19]. Sie werden sehen, man kann sie stundenlang anschauen und staunen. Falls Sie mehr Zeit haben: Einen Ausflug zum Schloss Chillon kann man in einem Tag machen. Man muss einfach sehr früh auf den Zug. Die Fahrt von Zürich nach Montreux dauert etwa zweieinhalb Stunden und das Schloss ist immer voll mit Leuten.

Jetzt freue ich mich sehr, wenn Sie bei Instagram unter #PodClubAndrea und #andreaerzaehlt vorbeischauen und am 17. Februar wieder auf podclub.ch oder über unsere App mit dem Vokabeltrainer mit dabei sind, wenn es heisst «Andrea erzählt». Dann werde ich Ihnen vom «Zürichhorn» erzählen.
Auf Wiederhören!

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